Couchgeflüster mit Beistell-Frau

4. Oktober 2009, 16:47
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Wird einem Dinosaurier der Fernsehunterhaltung eine Verjüngungskur oktroyiert, orientiert man sich am besten an Italo-TV-Konzepten: Mindestens eine Frau muss her, junge, hübsche, formschöne. Im Fall von "Wetten Dass..?" fungiert seit Samstagabend die ehemalige "Deutschland sucht den Superstar"-Co-Moderatorin Michelle Hunziker als Thomas Gottschalks...ja, "Co-Moderatorin". Ihr Aufgabenbereich schien klar umrissen: Lächle und schau' gut aus. Reden darfst du auch, aber nur unter der Patronanz des blonden Häuptlings. Als alter Show-Hase wird Hunziker wohl gewusst haben, worauf sie sich da einlässt. Dass sie Aufputz sein soll, damit mann was zu sehen hat, in der Hoffnung, dass die Einschaltquoten endlich wieder besser werden. Dass diese sexistische Überlegung durch den Verlauf der Show selbst Konkurrenz bekommt - wer hätte das gedacht: Denn im Vergleich zum Couchgeflüster des gelifteten Urgesteins der Sendung darf man Hunzikers rollenkonforme, freundliche Landgewinnungsversuche einer Moderation als positiv werten.

 

Gottschalk selbst war eine Zumutung: Wenn er einem Oliver Pocher - seit wenigen Wochen werdender Vater und seit erscheinen auf der Comedy-Bildfläche bemüht witzig - quasi zum Papa-Schicksal konduliert ("jeder hat sein Päckchen zu tragen"), werden wir unfreiwillig zu ZeugInnen eines Affronts gegenüber der Partnerin Pochers und des Kindes. Wenn er eine nach Fetisch-Befriedigung anmutende Wette (Schweiß junger Frauen in Gummistiefeln erriechen) u.a. damit kommentiert, dass der Riech-"Experte" schon seinen Spaß dabei hat, dann sexualisiert er die Show. Ein Moderator, der das nicht im Griff hat, hat kein Recht, seinen neuen Side-Kick Hunziker so kleinmacherisch in ihre Rolle als Beistell-Frau zu verweisen.

Schon gar nicht, wenn die Einschaltquoten eine deutliche Sprache sprechen: Bei 14- bis 49-Jährigen hatte "Wetten dass..?" diesmal satte 32,6 Prozent Marktanteil, ein gewaltiger Anstieg. Das ist Hunziker zu schulden (und Tokio Hotel, vielleicht auch dem Whitney Houston-Comeback) - auch das TV-Auge hat sich Hunzikers wegen nach locker 15 Jahren müheloser Abstinenz zum stellenweisen Hinschauen durchgerungen. Das wird die Ausnahme bleiben, denn Produktplacement für diverse Unterhaltsungsbranche-Produktionen, Musikeinlagen und unangenehme Star-Gespräche unter der Patronanz einer lustlos-jovialen Vaterfigur dominieren die Show. Wetten sind anscheinend mittlerweile Nebensache, und gar nicht spannend, dafür gleich zwei mal recht eklig, Stichworte Spucke und Jungfrauen-Schweiß.

Dass sich Hunziker in diesem eingefahrenen Kontext in den Vordergrund spielen kann, scheint nicht zu erwarten. Freudig und kümmernd die WettkandidatInnen betreuen, zuckersüß sein, hübsch sein, assistieren. Wetten, dass sich das nicht so bald ändert? (bto/dieStandard.at, 5.10.2009)

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