Eine 29-jährige 12-Jährige

4. August 2009, 17:21
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"Meine Serie funktioniert bei allen Frauen", glaubt der Drehbuchautor Bora Dagtekin über sein Werk "Doctor´s Diary". Nicht ganz. Am Montag startete die zweite Staffel der deutsch-österreichischen Koproduktion. Zum Staffelstart hatten wir auch gleich zweimal hintereinander das Vergnügen mit Dr. Gretchen Haase, 29 Jahre, langes wallendes blondes Haar, laut SerienkollegInnen und Haase selbst von molliger Statur, laut BMI sicherlich normal- bis idealgewichtig. Haase lebt bei den Eltern in einem riesigen Haus in einer noblen Gegend, ihr Vater ist Professor im selben Krankenhaus, in dem Gretchen auch Assistenzärztin ist. Wohl behütet kann sie sich also mit den wahren Problemen des Lebens auseinandersetzen: Wie finde ich den Mann fürs Leben? Damit Lebensziel Numero Uno auch erreicht werden kann, sollte nur endlich abgenommen werden. Denn: Hat frau nicht "den Richtigen" ist eine Frau ja nicht wirklich eine, sondern nur eine vor Sehnsucht vergehendes, Tagebuch schreibendes, patschertes kleines Mädchen, das wieder ins gutbürgerliche Nest kriecht, wenn – wie in Haases Fall – eine Beziehung scheitert. Dann ist Haase wieder ein "Häschen". Und so kann die junge Ärztin Woche für Woche in mehr oder weniger ramponiertem Zustand im Chaos ihrer Liebeswirren beobachtet werden, leidend, dass sie keiner liebt, wobei ja eigentlich alle männlichen Figuren unter vierzig – Haases Bruder ausgenommen – in Wirklichkeit un-sterb-lich in die blonde junge Frau verliebt sind.

 

Gut, die Klischees in "Doctor´s Diary" sind derart überzeichnet, dass sie schon wieder lustig sein könnten. Sind sie aber nicht. Ebenso unlustig ist der Plot, in dem sich eine Krankenschwester durch Intrigen den Mann für den sozialen Aufstieg angeln will, derselbe Idiot übrigens, den sich auch Haase an ihre Seite wünscht. Dr. Haase will ihn natürlich wegen seines (schlechten) Charakters, Geld hat (erbt) sie ja schließlich selbst. Und weil mit Krankenschwestern, die sich Ärzte angeln, nicht zu spaßen ist, hasst Dr. Haase natürlich ihre Konkurrentin, dieses "dünne Biest".

Noch immer nicht lustig? Na, dann kann ja vielleicht über die übergewichtige Patientin gelacht werden, die der bereits erwähnte vielfach begehrte Arzt fortwährend beleidigt und die ihren Mann verteidigt, dass "er es ja nicht so meint", wenn ihm mal die Hand auskommt. Nein?

Also nein, Herr Dagtekin, ihre Serie "funktioniert" nicht bei allen Frauen. (beaha, dieStandard.at, 4.8.2009)

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