"Kommissarin Lund" ermittelt

28. Juli 2009, 16:45
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Eigentlich sollte Kommissarin Lund gar keine mehr sein. Sie sollte sich längst in Schweden aufhalten um dort einer Polizeiarbeit nachzugehen, für die Lund völlig überqualifiziert ist. Der Liebe wegen hat sich Sarah Lund entschlossen, ihre sieben Sachen und ihren präpubertierenden Sohn zusammenzupacken und zu übersiedeln. Sie wäre eigentlich auch schon längst in Schweden angekommen, würde sie von ihrer Arbeit an einem komplizierten Mordfall, der just an ihrem letzten Arbeitstag ins Kommissariat flatterte, nicht immer wieder aufs Neue zurückgehalten. Auch Lunds Nachfolger Jan Meyer steht schon auf der Matte und macht sich in ungestümer und cowboyesker Manier breit – wohl wissend, dass die Fußstapfen Lunds etwas zu groß für ihn sein dürften. Er wird somit nicht müde, Lund mit eigenmächtigem Vorgehen – das sich oft als unüberlegt herausstellt – zu überfahren und er legt ihr immer wieder nahe, doch endlich das Feld zu räumen. Lund bringt das nicht aus der Ruhe, denn sie weiß um ihre Qualitäten bestens Bescheid und dass sie selbst die beste Kandidatin dafür ist, den extrem verwickelten Fall zu lösen. Auch ihr zukünftiger Ex-Chef weiß Lunds Konzentration, Besonnenheit und ihre Fähigkeit mit potentiellen Verdächtigen umzugehen zu schätzen und will sie noch nicht so recht nach Schweden lassen.

 

Und so leidet Meyer weiterhin jedes Mal, wenn der Chef Lund bittet, doch noch ein paar letzte Handgriffe an den Fall der ermordeten 19-jährigen Schülerin Nanna Birk Larsen anzulegen. Mayer versucht zwar mit relativ billigen Machtspielchen Oberwasser zu gewinnen, doch auch damit weiß Lund mit gewohntem Understatement umzugehen. Das ist auch nötig, denn es kündigt sich schon an, dass sich die zwei zwecks länger andauernder (10 Folgen) Kooperation zusammenraufen müssen.

Der Mordfall Larsen ist verworren und Verdächtige gibt es noch und nöcher. Die Spuren führen in die Kopenhagener Lokalpolitik ebenso wie in Nannas Familie und Freundeskreis. Durch Lunds Ermittlungen in politischen Kreisen wird Einsicht in einen Wahlkampf zwischen einem liberalen Jungpolitiker und seinem rechts-konservativen Konterfei verschafft. Der Blick auf die Familie des Opfers wird nicht wie in vielen anderen TV-Krimis gleich abgewendet, nachdem die KommissarIn die schlechte Nachricht überbracht hat. Die ZuseherInnen müssen bei den Larsens auch noch die Tage und Wochen nach dem Besuch der Polizei verweilen.

Im Vergleich zu Kommissarin Lund wirken die Charaktere anderer TV-Kommissarinnen, wie etwa Angelika Schnell ("Schnell ermittelt") oder Brenda Leigh Johnson ("The Closer"), bemüht markant. Berufliche Kompetenz muss sich im TV also nicht immer hinter schusseligem Getue und Chaos verstecken, bevor sie schließlich doch zum Vorschein kommen darf. Wie ihre männlichen Kollegen im Fernsehen darf die dänische Kommissarin auch ohne irgendwelche Spleens interessant sein.

In einem Punkt tut sich "Kommissarin Lund" aber nicht durch Originalität hervor: Das Opfer muss auch hier weiblich sein. Wie schon im Krimi-Klassiker "Twin Peaks" wird auch in Stockholm im Laufe der Serie nur an einem einzigen Fall gearbeitet: Und zwar an dem Mord an einer jungen Frau. "Twin Peaks" schöpfte kräftig aus den schier unendlichen Darstellungsmöglichkeiten von Klischees, die ein weibliches, junges, schönes Opfer bietet. Ein Mädchen, deren Sexualität gerade am Erwachen war, kommt gewaltsam zu Tode. Fragen, wo und mit wem sie sich rumgetrieben hat, ob freiwillig oder nicht, können hin und her gewälzt werden und zwischendurch kann – je nachdem ob Verdächtiger, Angehöriger oder ErmittlerInnen – ein verstörter, trauernder bzw. forschender Blick auf das Foto eines (noch) lebensfrohen Mädchens geworfen werden. In Twin Peaks wird Laura Palmer erst durch das Foto, das sie als Tote zeigt – in Plastik hübsch eingewickelt, silber-schimmernde Haut, friedlicher Gesichtsausdruck – zur wahren Schönheitskönigin. Die Rückblenden, die Laura Palmer als lebendes Mädchen zeigten, konnten der Schönheit der Toten nicht gerecht werden. Dem "Charme" der Projektionsfläche, die eine jung zu Tode gekommene Frau bietet, konnte auch "Kommissarin Lund" nicht widerstehen. Ebenso wenig, die Serie mit einer Szene zu starten, in der Nanna Birk Larsen in einem knappen weißen Kleidchen durch einen dunklen Wald gejagt wird. Sarah Lund steuert aber dann doch solchen und anderen tradierten Bildern wirksam entgegen. (beaha, dieStandard.at, 28.7.2009)

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