Solange er uns nicht mit dem "Penisneid" kommt…

21. Juli 2009, 16:01
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Feminismus und Psychoanalyse kommen sich – nicht nur im schlechten Sinne – schon mal in die Quere. Nun also auch die Feministin vor dem TV-Gerät zu viel zu später Stunde beim Konsum der Serie "In Treatment" (die auf der erfolgreichen israelischen Serie "Betipul" basiert) und auch hier macht sich eine Zwiespältigkeit breit, die in dem Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Feminismus nicht neu ist. Begeisterung gibt es in der feministischen Rezeption der Psychoanalyse ebenso wie harsche Kritik, denn: Welche hat schon mit Freuds Theorie des "Penisneides" eine Freude, dem jedes Mädchen laut Theorie dann verfällt, wenn sie sich der anatomischen Unterschiede zu Burschen bewusst wird und somit auch, dass ihr etwas "fehlt". Freud habe mit diesem "Nachteil", den Mädchen seiner Ansicht nach erleiden müssen, Frauen als "Mangelwesen" wissenschaftlich untermauert, lautet etwa eine Kritik. Für Psychoanalytikerin und Philosophin Luce Irigaray verdeutlicht nicht zuletzt der Penisneid die Existenz eines "Phallozentrismus", also dass wir uns in einer männlichen Sphäre bewegen, in der es praktisch nur das Männliche gibt. Frauen wären somit so etwas wie das andere Männliche bzw. das kastrierte Männliche. Starker Tobak also. Aber es gibt auch Lob. So habe etwa die Psychoanalyse wesentlich zur Legitimierung weiblicher Sexualität beigetragen und auch die Entkoppelung von lustorientierter Sexualität und reproduktiver Sexualität vorangetrieben. Na bitte.

 

Geben wir also dem TV-Therapeuten Dr. Paul Weston (Gabriel Byrne) eine Chance, zumindest wenn man es schafft bis zu der späten Sendezeit (ca. 00.00 Uhr) wachzubleiben. Von Montag bis Freitag können wir Paul Weston durch seine Arbeitswoche begleiten, die am Freitag bei seiner eigenen Therapeutin endet. Die Sitzungen mit den PatientInnen von Weston (in jeder Staffel besuchen von Montag bis Freitag dieselben PatientInnen Dr. Weston) haben es in sich und fesseln derart, dass die Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen der des Therapeuten Weston wahrscheinlich um nichts nachsteht. Ob Montags-Patientin Laura, der unsympathische Alex am Dienstag oder wenn Paul am Freitag selbst bei seiner Therapeutin Gina Platz nimmt, um beispielsweise den Fall von Lauras sexueller Übertragung (Montag) zu besprechen: Die Lust, in Westons Praxis auch in der nächsten Nacht wieder Mäuschen zu spielen, reißt nicht ab. Intelligente Dialoge, Auseinandersetzungen, in denen sich nichts geschenkt wird und die diebische Freude darüber, den Therapeuten selbst beim Flunkern bei seiner Therapeutin Gina (Diane Wiest) zu ertappen, sorgen dafür.

Auch Privates erfahren wir über Paul und so hat seine Frau Kate nicht nur indirekt in seinen Sitzungen mit Gina ihre Auftritte: Wenn ein Blutfleck auf Westons Couch zu entfernen ist (von einer Fehlgeburt einer Patientin) oder eine junge Patientin in trockene Kleidung zu stecken ist, weil diese völlig durchnässt und mit Gipsarmen links und rechts auftaucht, ist Kate fachfrauisch zur Stelle. Da trifft es sich gut, dass Westons Praxis unmittelbar an seine Privatwohnung grenzt. Jedoch nur in den genannten oder ähnlichen Fällen, ansonsten scheint die örtliche Nähe zwischen seiner Praxis und seiner Frau für Paul eher bedrohlich – wie wir aus einer Sitzung mit Gina wissen. Diese "allzeitbereit-Stellung" von Pauls Frau und sein Verhältnis zu dieser und seinen Kindern sind äußerst Misstrauen erregend. Vielleicht haben verschlafene Folgen bereits Licht in diese Sache gebracht (arbeitet Kate nicht? Sitzt sie nebenan und wartet, bis ihr Mann sie braucht?) oder künftige tun es noch. Hoffentlich, denn abgesehen davon ist "In Treatment" erste Sahne – so lange uns Dr. Weston nicht mit dem Penisneid kommt. (beaha, dieStandard.at, 21.7.2009)

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