Geeeeeeks!

14. Juli 2009, 20:43
16 Postings

"Parker Lewis" hatte seinen, "Family Matters" einen ganz bekannten, "King of Queens" oder "Wonder Years" auch. Eigentlich so ziemlich jede Teenager/Familien-US-Serie ab den 80ern: einen geeky Charakter, den hochintelligenten und -spezialisierten, sozial eher im Abseits stehenden Typen mit an zum Fanatismus grenzenden Interesse für Technik, Naturwissenschaften und in Folge Computer. Ein guter Geek wusste alles über das, was ihn interessierte, und darüber hinaus, der Geek-Kultur verpflichtet, über Science Fiction und Comic-Universen. Er war leicht an Brille, Hochwasserhosen und Taschenrechner samt Schreibstiftsammlung in der Hemdtasche zu erkennen und als schräger Charakter ideale Witzfigur, mal scripttechnisch mehr liebkost, mal eher be-lieblos-t. Seine Zeit als nebenfigürliches Anhängsel war vorbei, als er sich über das popkulturelle Paradigma "Nerdy ist das neue Cool" Fans bei Publikum und MacherInnen machte und sich so zum Handlungsmittelpunkt mauserte. Wie bei "Dexter's Laboratory", "Malcolm in the Middle", "Freaks and Geeks", "IT Crowd" oder neuer: "Big Bang Theory" und "Chuck". Selbst die optischen Insignien des Nerdtums konnten so mitunter verschwinden und der Geek durfte auch eine konsensfähige Option werden, sexuell gesehen.

 

Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist: Der Archetyp des Geeks ist männlich. Aber so, wie er sich über die Jahrzehnte zum neuen Helden des anspruchsvollen TV-Alltags entwickeln und sogar sexy werden durfte, so konnte - musste - er auch weiblich werden. Nicht nur im Sinne von genderübergreifenden Rollenzuschreibungen, sondern so richtig: Das TV-Superhirn landete im Frauenkörper. Die nerdigen Serien-Frauen eignen sich Wissen nicht an, um Karrieren zu machen - sie können nicht anders. Ihr Drang, Neues zu lernen und selbst zu entdecken, killt ihr Bemühen, bei anderen möglichst beliebt zu sein. Sie experimentieren, forschen, hacken, analysieren, programmieren, konstruieren ohne Rücksicht auf Verluste und etablieren damit einen zeitgemäßen Blick auf üblicherweise als männlich definiertes Know-How und Lebensstil. Und sehen gut dabei aus.

Waren Bonnie und April noch Models mit Tech-Wissen, das sie ab und an auf Hilferuf des "Knight Rider"s einstreuen durften, zählen eine Velma ("Scooby Doo") und eine Lisa Simpson als echtheitszertifizierte Geek-Girls. In dieser Kategorie so richtig interessant wurde es ab Mitte der 90er: Da tauchten plötzlich eine Dana Scully ("X-Files"), eine Kathryn Janeway und 7 of 9 ("Star Trek Voyager"), eine Samatha Carter ("Stargate SG-1"), eine Saffron ("Absolutely Fabulous") und eine Willow Rosenberg ("Buffy the Vampire Slayer", siehe Bild) auf. Buffy-Entwickler Joss Whedon hat mehrere Charaktere in diese Richtung anzubieten: Fred in "Angel" oder Kaylee Frye in "Firefly", aber auch Sierra in "Dollhouse", wenn sie in einer Episode zu einer Otaku wird.

Im neuen Jahrtausend tummeln sich die Fem-Geeks in allen Genres, aber vor allem in jeder Kriminologie-Serie, die was auf sich hält: Penelope Garcia aus "Criminal Minds" ist aber eine der wenigen, die nicht so wirkt, als könnte sie, wenn ihr der Job als Super-Hirn bei der jeweiligen Super-Spezial-Truppe nicht mehr taugt, ihr Auskommen als Model oder Luxus-Ehefrau haben. Auch Mac aus "Veronica Mars" (die selbst auch ein wenig nerdig ist) und Abby Scutio aus "Navy NCIS" sind solche Ausnahmefälle. Im Gegensatz zu den sterilen CSI-Ladies oder der Savant "Bones" alias Temperance Brennan haben die auch ihren von Modetrends unbeirrten Look. "Bones" ist wiederum - neben der hochgelobten "30 Rock" mit Liz Lemon als Dreh(buchschreibender)- und Angelpunkt - eine Serie, in der eine nerdige Frau die Hauptfigur ist. Eine wahnsinnig gut aussende. Dass es aber auch funktioniert, Nerdtum, Frausein und durchschnittliches Aussehen (dekoriert mit Zahnspange, Brille und derb-schicken Vintage-Klamotten) in einer Hauptrolle zu kombinieren, hat "Ugly Betty" gezeigt. Die mag man, weil sie so geeky und anders ist, und nicht trotzdem. (bto/dieStandard.at, 15.07.2009)

  • Artikelbild
Share if you care.