Von "Grey´s Anatomy" in die "Private Practice"

17. März 2009, 16:28
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Sechs Ärztinnen und Ärzte betreiben in L.A. eine Gemeinschafspraxis, die mit ihrem Namen aber nicht gerade auf geballte medizinische Kompetenz schließen lässt. In der "Oceanside Wellness Group" arbeiten ein Kinderarzt, eine Psychologin, eine Endokrinologin, ein Internist, ein Alternativmediziner und schließlich die Gynäkologin und Fachärztin für neonatale Chirurgie Dr. Addison Forbes Montgomery Sheperd. Sie stieß zu der Gruppe, weil sie das verregnete Seattle und ihr Leben mit den "Grey´s Anatomy"-Feschaks satt hatte: Mit einem von denen wollte sie eine Ehe kitten und mit einem anderen eine Beziehung eingehen, beides erfolglos. Genervt und gestresst setzte sie Hoffnungen auf einen Neuanfang im Süden, den ihr in Seattle der alternde Sonyboy und Alternativ-Heiler Dr. Pete Wilder mit Herumschmusen im "Grey´s Anatomy"-Spital Seattle Grace schmackhaft machte. Eh klar, eine mitte 30-Jährige, die wohl immer auf ihre Karriere bedacht war, ist mit so etwas schon von ihrem gut bezahlten und hoch angesehenen Job als Neonatale-Chirurgie-Spezialistin in einem angesehenen Krankenhaus wegzulocken. Um dieses unglaubwürdige Detail abzuschwächen, bestand Addison auch vehement darauf, dass sie nicht nur Pete gefolgt war, sondern einen Neuanfang brauchte, nachdem ihr Plan schwanger zu werden wegen Unfruchtbarkeit flöten gegangen war.

 

In Los Angeles fand Addison für sich nicht nur ein Haus direkt am Strand vor, sondern auch einen Haufen ÄrztInnen, die sich aufführen wie Pubertierende. Die MedizinerInnen aus der "Oceanside Wellness Group" stehen irgendwie alle sexuell oder freundschaftlich miteinander in Beziehung, es wird getuschelt, verschämt um Dates gebeten, Verhalten oder Aussagen des oder der Begehrten auf die Wagschale gelegt und ausführlich analysiert.
Auf der anderen Seite – und das ist das Seltsame an der Serie – diskutieren sie schwierigste ethische und moralische Probleme. Diese Probleme drängten sich beim Start der zweiten Staffel am Montag auf, als die Endokrinologin Dr. Naomi Bennett einem Paar zu einem weiteren Baby verhalf. Schockiert stellte Addison fest, dass die Eltern das Kind schon im 6. Monat entbinden wollten, um es so als Organspender für ihren an Leukämie erkrankten Sohn zu missbrauchen. Enttäuscht über den Fehler der Kollegin, den Eltern die Möglichkeit zu geben, ein Baby nur zum Zweck der Rettung des Sohnes zu bekommen, weigerte sie sich das Kind zu entbinden, was dazu führte, dass sich die Schwangere mit einer Stricknadel ihre Fruchtblase verletzte, um so eine Frühgeburt einzuleiten. Noch ehe frau nach diesen Dramen auch nur zum Blinzeln käme, schäkerte Addison auch schon mit einem Polizisten wegen einer Verabredung herum – DoktorInnen-Drama und "Sex in the City" praktisch ein Einem.
Einen leicht unterbelichteten Eindruck machen die männlichen Kollegen. Fachlich natürlich genauso kompetent wie ihre Kolleginnen kommentieren sie diese aber unbeholfen in privaten Dingen einfach mit "diese Weiber".
Hoffentlich greift dieser Ton nicht durch, hat doch beim Serienauftakt am Montag der Internist und Ex-Mann von Dr. Bennett nun die Geschäfte übernommen, nachdem diese in letzter Zeit alles andere als gut gelaufen sind, was natürlich allein die Schuld der "völlig überforderten" Naomi ist. Das wird aber sicher noch Ärger geben. Hoffentlich.
(beaha, dieStandard, 17.3.2009)

 

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