"Sexsymbol" plötzlich unsexy

20. Oktober 2009, 17:42
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Einstiger Polit-Star Ignatieff verliert bei Wählerinnen

Diesen Absturz hat Michael Ignatieff (62), Starintellektueller, Ex-Harvard-Professor, erfolgreicher Autor von 17 Büchern und seit Mai 2009 kanadischer Oppositionsführer, wohl am wenigsten erwartet. Der Mann, der noch vor sechs Jahren vom Politmagazin Macleans als "Sexsymbol" bezeichnet wurde, ist laut einer neuen Umfrage ausgerechnet in der Gunst der Wählerinnen gefallen. Vor allem Kanadierinnen über 35 halten weder von Ignatieffs Auftreten noch von seinen durchdringend blauen Augen besonders viel.

In Interviews beschrieben Geschäftsfrauen, Akademikerinnen, Autorinnen und Studentinnen den Parteichef der Liberalen beispielsweise als arrogant, steif, nicht vertrauenswürdig - und unsexy. Die Schriftstellerin Patricia Pearson, Enkelin des früheren liberalen Premierministers und Friedensnobelpreisträgers Lester Pearson, sagte laut der Zeitung National Post, Ignatieff fühle sich offensichtlich nicht wohl in der Rolle des Politikers: "Er sieht so aus, als hätte er Sodbrennen."

Gescheiterter Angriff

Der Sympathieverlust bei den Frauen, von denen sonst die Mehrheit traditionell die liberalen Parteiführer bevorzugt, ist nur eine der Niederlagen, die der international bekannte Ignatieff derzeit einstecken muss. Am 1. Oktober versuchte er vergeblich, die konservative Minderheitsregierung von Premierminister Stephen Harper mit einem Misstrauensvotum im Parlament zu stürzen, um Regierungschef zu werden. Harper habe sich massive Fehler in Wirtschaftsfragen geleistet, hatte Ignatieff im Voraus behauptet. Der frankophone Bloc Québécois stimmte mit den Liberalen gegen die Harper-Regierung, doch die linke New Democratic Party, die früher die Liberalen stets unterstützt hatte, blieb der Abstimmung absichtlich fern. Harper, seit Anfang 2006 Premierminister, ist heute fester im Sattel als je zuvor, denn die Rezession in Kanada verliert an Härte.

Gegen Ignatieff spricht in den Augen vieler nicht nur, dass er mehr als 25 Jahre außerhalb Kanadas lebte und die US-Invasion im Irak unterstützte. Wichtiger ist, dass eine Mehrheit der Kanadier keine Neuwahlen will - es wären die vierten in fünf Jahren - und auch nicht wieder eine Minderheitsregierung. Eine Mehrheit traut Ignatieff kaum jemand zu. (Bernadette Calonego aus Vancouver/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

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    Ernüchterung nach einem halben Jahr Politik: Starintellektueller Michael Ignatieff.

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