Auch Musen reicht es mal

20. Oktober 2009, 18:08
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Mit Iris Andrascheks Arbeit "Der Muse reicht's" stellt sich im Arkadenhof der Uni Wien nun eine Schattensilhouette gegen die männliche Hegemonie im Wissenschaftsbetrieb

Wenn junge Studentinnen an die Universität Wien ihre ersten Studien-Wochen absolvieren, könnten sie auf der Suche nach passenden Identifikationsfiguren schon mal die Schultern hängen lassen. In der Aula werden sie zu ihrer linken von erfolgreichen Wissenschaftern auf Glas begrüßt, ein Fragezeichen auf einer freien Glasfläche ist Platzhalter für künftige Brillanz. Sicher steht es einer jeden frei, sich in diese leere Stelle zu phantasieren, männliche Studierende dürften sich angesichts der vielen präsentierten Vorbilder aber wohl leichter tun. Auch im Arkadenhof wird ihnen noch mal versichert, dass sie an der Uni Wien und im Wissenschaftsbetrieb am richtigen Ort sind.

Frauen sind symbolisch auf der Universität also nicht vertreten, obwohl sie fast 60 Prozent der Studierenden ausmachen. Ohne am herrschenden Bild im Arkadenhof zuviel zu verändern, sollte diese fehlende symbolische Repräsentation zumindest ein Stück weit aufgehoben werden. Dazu schrieb die Universität Wien und die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) einen Kunstwettbewerb aus, den Iris Andraschek mit ihrer Arbeit "Der Muse reichts´s" für sich entscheiden konnte. Die Arbeit wurde am 19. Oktober im Arkadenhof der Uni Wien von der Künstlerin, dem Geschäftsführer der BIG, Christoph Stadlhuber, und dem Rektor der Universität Wien, Georg Winckler präsentiert. Stadlhuber nahm dies zum Anlass, sich und Georg Winkler als "mutig" zu loben, dass "man sich getraut hat ein solches gesellschaftspolitisches Projekt durchzusetzen".

154 Männer-Büsten und eine Frau

Für Winckler stand fest, dass es an der Zeit sei, die "bereits eingetretenen Veränderungen an der Universität auch endlich symbolisch sichtbar zu machen." Eine Veränderung, die nicht einfach zu bewerkstelligen war: Einschränkungen gab es durch den Denkmalschutz und auch mit der Dominanz der 154 Büsten und Ehrentafeln für Männer, die einer einzigen Gedenktafel für eine Frau - jener von Marie von Ebner-Eschenbach - gegenüberstehen, ist alles andere als leicht zu brechen. Dennoch ist Andraschek ein unbescheidenes Statement für Frauen in der Wissenschaft gelungen und zwar zu Füßen der Nymphe Kastalias. In der Mitte des Arkadenhofes sitzt die Nymphe, die Hände keusch in den Schoß gelegt. Die Figur Kastalia aus der griechischen Mythologie hat sich auf der Flucht vor Apollon bei Delphi in eine Quelle gestürzt, aus der Apollon von diesem Zeitpunkt an seine Inspiration bekam.

Mit "Der Muse reicht´s" platzierte die Künstlerin zu den Füßen Kastalias einen großen Schatten einer Frau in protestierender Haltung mit geballter Faust. "Das Spannungsverhältnis zwischen den Männer-Büsten und dieser einzigen Frauendarstellung durch Kastalia hat mich besonders interessiert", so Andraschek. Für die Schattenfigur standen der Künstlerin Frauen Modell, die heute an der Universität lehren. "Ich habe eine Fotoserie gemacht und Frauen gebeten, zu den Versäumnissen der Ehrungspolitik von Wissenschafterinnen selbst eine Pose einzunehmen. Daraus wurde die finale Figur dann komponiert" erklärte Andraschek.
Den Zweck der Arbeit "Der Muse reicht´s" soll eine ebenfalls aus Granit (wie der Schatten auch) belegte Oberseite eines Sockels am Ende der in den Hof führenden Treppe verdeutlichen. Im Frühjahr soll noch eine zweite Sockeloberfläche mit Inschriften versehen werden, die gemeinsam mit Wissenschafterinnen erarbeitet werden. Für 2010 ist ausgehend von Andrascheks Kunstprojekt zudem ein Symposium geplant, das die Auseinandersetzung mit Geschlecht, Wissenschaft, Erinnerung und Repräsentation vertiefen soll.

Veranstaltungen wie diese wird es wohl noch einige geben müssen, damit den symbolischen Neuerungen auch reale Veränderungen folgen, denn trotz einer höheren Zahl von Studentinnen gibt es nur 16 Prozent Professorinnen, also auch eine knappe Ressource für junge Studentinnen in Sachen Identifikation. Aber vielleicht hilft ihnen nun die Muse, der es reicht, etwas weiter. (beaha, dieStandard.at, 21.10.2009)

  • "Der Muse reicht´s". Der "Schatten" zieht sich quer über den Arkadenhof.
    foto: hertha hurnaus

    "Der Muse reicht´s". Der "Schatten" zieht sich quer über den Arkadenhof.

  • Auch in der Aula sind weit und breit keine Wissenschafterinnen zu sehen.
    foto: beate hausbichler / diestandard.at

    Auch in der Aula sind weit und breit keine Wissenschafterinnen zu sehen.

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