derStandard.at-Interview

Das "typisch Österreichische" erforschen

Maria Sterkl, 21. Oktober 2009, 06:59
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    foto: filmarchiv austria

    Der "Herr Karl" sei ein typischer Österreicher gewesen, glaubt Historiker William Johnston: "Einer, der laut spricht, der imponieren will und der keinen Widerstand duldet."

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    derstandard.at/mas

    Traditionell pflege der "österreichische Mensch" aber das Versöhnende, meint Johnston

Wer weiß, was die "österreichische Eigenart" ist, sei weniger anfällig für Rassismus, meint Historiker William Johnston

In Österreich sei erst spät damit begonnen worden, zu erforschen, was "das Österreichische" ausmacht. Die Folgen seien fatal, meint der Historiker William M. Johnston: Kein Selbstverständnis zu haben, mache die Politik prinzipienlos und die Menschen orientierungslos. Durch die Besinnung auf "das Österreichische" könnten Tendenzen des Rassismus geschwächt werden, glaubt Johnston im Gespräch mit Maria Sterkl. Er selbst sehe in den heutigen ÖsterreicherInnen eine alte Tradition des "Gefallen-Wollens", sagt der Historiker.

***

derStandard.at: Sie forschen nach dem "österreichischen Menschen". Was soll das sein?

Johnston: Der österreichische Mensch der Monarchie zeichnete sich aus durch seine Versöhnlichkeit, durch sein Vermitteln. Es war die Aufgabe des deutschsprachigen Österreichers, die anderen Völker der Monarchie zu verstehen und mit ihnen eine gemeinsame Kultur - durch die Armee, durch die Literatur, die Bildende Künste - herzustellen. Der Österreicher war ein Vermittler, ein Versöhner in Südosteuropa.

derStandard.at: In Wien wurde von Nicht-Deutschsprachigen aber durchaus Assimilation verlangt. Wo ist hier das Vermittelnde?

Johnston: Das Versöhnungsprogramm war ein Ideal von Beamten, sie wollten einen Traum verwirklichen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg sah man ein, dass dieser Versuch äußerst schwer  war. Aber es war ein Versuch.

derStandard.at: Wenn Sie heute durch Wien spazieren, erkennen Sie dann diesen Typus des vermittelnden, österreichischen Menschen wieder?

Johnston: Ja, einige Merkmale dieses Typus gibt es tatsächlich noch: Der Wunsch, verstanden zu werden, gut anzukommen und einen guten Eindruck zu machen - der ist noch da. Auch den Wunsch, dass die Leute miteinander ins Gespräch kommen, den gibt es noch. Die Wiener machen viel lieber Podiumsdiskussionen, als Vorträge: "Ein jeder soll zum Wort kommen."

derStandard.at: Wer österreichische Wahlkämpfe mitverfolgt, sieht eher Ausgrenzendes als Versöhnendes - Stichwort "Daham statt Islam".

Johnston: Das Ideal des theresianischen Menschen hat den Ersten Weltkrieg kaum überlebt - auf politischer Ebene. Aber auf menschlicher Ebene, in der Familie, in der Kunst, kann so ein Ideal überleben, und es könnte wieder entdeckt werden. Die Globalisierung bringt eine größere Vielfalt an Sprachen und Kulturen nach Österreich als jemals zuvor. Und die Präsenz der Immigranten verlangt die Wiederentdeckung dieses Verständnisses, dieses Vermittelns.

derStandard.at: Wie wirkt sich die vergangene Praxis des Vermittelns auf das heutige "Österreichische" aus?

Johnston: Ich behaupte, dass hier in Wien die Vielfalt an Menschentypen größer ist als in anderen europäischen Städten. Es gibt in Österreich Typen, die man anderswo nicht findet.

derStandard.at: Was wäre so eine typisch österreichische Spezies?

Johnston: Der "Wallungsmensch", von dem der Essayist Richard Schaukal spricht: Das sind Menschen, die sich leicht aufregen, die heftig sprechen und sich bei einem Gespräch durchsetzen wollen. Diesen Typen bin ich in Österreich begegnet, und nur hier. Wenn so einer loslegt, muss ich schweigen, da habe ich keine Chance, ich bin wehrlos gegen den Wallungsmenschen.

derStandard.at: Kennen Sie österreichische PolitikerInnen, die diesen Typus erfüllen?

Darauf verzichte ich (lacht). Der Herr Karl wäre so ein Typ. Der Thomas Bernhard nicht, der wäre das Gegenteil. Den Wallungsmenschen gibt es auch nicht als Frauentypus, das ist immer ein Mann: Einer, der laut spricht, der imponieren will und der keinen Widerstand duldet.

derStandard.at: Bruno Kreisky vielleicht?

Johnston: Ja! Kreisky war so einer. Gutes Beispiel.

derStandard.at: Was könnten die ÖsterreicherInnen aus Ihrer Forschung lernen?

Johnston: Ich habe zusammengetragen, was es bis 1967 an Diskurs über die österreichische Eigenart gegeben hat. Nun hat man etwas, worauf man sich beziehen kann. Jeder Leser und jede Leserin soll dann eine eigene Wahl treffen, welcher von mir zitierte Autor ihm oder ihr am liebsten ist. Und dann kann man schauen, was die Eigenart Österreichs wirklich ist. Wichtig ist, dass man sich nicht mit herkömmlichen Bildern identifiziert, sondern sich distanziert.

derStandard.at: Wovon sollte man sich distanzieren?

Johnston: Vom Tabu, Österreich mit Deutschland zu vergleichen. Man sollte anfangen, darüber zu reden, in welchen Hinsichten sich die Österreicher seit eh und je von den Deutschen unterscheiden. Erst dann kommt man zu einem klareren Bild der Identität des Österreichs. Es ist höchste Zeit dafür.

derStandard.at: Viele EssayistInnen des frühen 20. Jahrhunderts - Alfred Polgar, Karl Kraus - nähern sich dem Österreichischen mit Satire und Witzemacherei. Liegt das daran, dass Österreich als „Spaßnation" gesehen wurde - der Reststaat, den keiner wollte?

Johnston: Die Witzemacherei ist älter als die Jahrhundertwende, schon Grillparzer machte böse Witze. Aber jenseits des Kaffeehauswitzes gibt es eine tiefer liegende Art, das Österreichische zu betrachten. Es gab große Diagnostiker, die erkannten, welche Folgen der österreichische Mangel an Selbsterklärung haben kann. Schließlich hat Österreich sehr spät begonnen, über die eigene Kulturgeschichte nachzudenken, erst hundert Jahre nach den Deutschen.

derStandard.at: Welche Folgen hat es, nicht zu wissen, was „das Österreichische" ist?

Johnston: Die staatstragenden Schichten konnten sich selbst nicht verteidigen, weil sie ihre Prinzipien nicht definiert hatten. Sie konnten sich nicht genügend von Deutschland unterscheiden, um im Ersten Weltkrieg die Politik Deutschlands beeinflussen zu können. Man war überwältigt.

derStandard.at: Warum halten Sie es heute für wichtig, nationale Identitäten zu stiften? Es geht es doch eher darum, transnational zu denken.

Johnston: Ohne Selbstverständnis kann man kein langes Leben führen, man wird orientierungslos. Wir brauchen Verbindungen zur Vergangenheit, und zu den noch nicht geborenen Enkelkindern. Und diese zeitüberspannenden Verbindungen funktionieren hauptsächlich durch die Kulturgeschichte. Außerdem ruft die Globalisierung die Problematik der Monarchie in Erinnerung: Die Österreich müssen von Neuem lernen, wie man mit Nichtösterreichern zusammen lebt. Die Präsenz der Immigranten verlangt die Wiederentdeckung dieses Verständnisses, dieses Vermittelns.

derStandard.at: Glauben Sie an den Begriff der Leitkultur?

Johnston: Das Ideal des theresianischen Menschen war eine Leitkultur für Beamte. Aber heutzutage - was für eine Leitkultur soll das sein? Sie sollte das Wesentliche betonen, aber nicht allzu kompliziert sein.

derStandard.at: Wäre eine Selbstdefinition als Einwanderungsgesellschaft schon zu kompliziert?

Johnston: Nein, überhaupt nicht. Die Multikulturalität kann man ja erklären. 

derStandard.at: In den letzten Jahren wird eine Abgrenzung gegenüber "den Anderen" - das können Zugewanderte sein oder auch muslimische ÖsterreicherInnen - besonders stark spürbar. Es scheint ein Bedürfnis nach Gegenidentitäten zu geben. Angenommen, die von Ihnen geforderte Selbstsuche wäre weiter fortgeschritten: Gäbe es dann weniger Rassismus im Land?

Johnston: Das wäre ein guter Vorschlag. Die Neigung mancher Österreicher, ein Feindbild der "anderen" aufrecht zu erhalten, um sich selbst zu definieren, kann durch die Beschäftigung mit der eigenständigen österreichischen Definition, mit der Tradition als Vielvölkerstaat, geschwächt werden. Es wird ein langer Prozess sein. Aber jeder Schritt lohnt sich. Und mit den Jahren kann man hoffen, dass die Tendenz, Gegenfiguren zu pflegen, abnehmen wird. (Maria Sterkl, derStandard.at, 21.10.2009)

Zur Person

Der Historiker William M. Johnston (geb. 1936 in Boston) war Professor an der University of Massachusets, zurzeit lehrt er am College of Divinity in Melbourne. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte. Durch sein Buch The Austrian Mind (1972) ist er weltbekannt geworden. Ende Oktober erscheint im Böhlau Verlag sein neues Buch "Der Österreichische Mensch - Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs", in welchem Johnston anhand einiger bislang unbekannter Texte des 20. Jahrhunderts "dem Österreichischen" nachgeht.

Info

Am 21.10. stellt sich William Johnston unter der Leitung von STANDARD-Chef vom Dienst Erhard Stackl einem Gespräch zum Thema "Österreich: Für alles zu spät?". Um 19 Uhr in der MAK-Lounge, Weißkirchnerstraße 3, 1010 Wien.

Kommentar posten
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E. Pagliacchi
00

Wenn Alfons Haider sagt, Ö wäre ein ... Land, bekommt er Applaus von den Anti-Chauvinisten. Nämlich denen, die hier laut Rassismus schreien. Aber das bestätigt nur, dass es das typisch Österreichische geben muss. Das ist also Fakt. Jetzt wird nur mehr darum gefeilscht, worin es besteht.

geilhuber
01
9.11.2009, 20:18

Gemeinsamkeiten Oesterreich-Schweiz:
1.Beides sind Alpenlaender.
2.Beide Laender sind reich.
3.Beide Laenderfahnen haben die rote und die weisse Farbe enthalten.

Unterschiede zwischen Oesterreich-Schweiz:
1.Die Schweizer Alpen sind hoeher.
2. Die Schweiz hat noch viel mehr Geld.
3. Die oesterreichische Fahne hat ein grosses Minus in der Mitte, die Schweiz ein kleines Plus!

schmeck.mein.smegma
13
24.10.2009, 08:12

man erklärt den unterschied österreichs zu resteuropa und deutschland, um dann über ein feindbild der muslimischen "anderen" zu philosophieren.

was kommt danach? das typisch traiskirchnerische im vergleich zu niederösterreich und restösterreich, mit anschliesender diskussion über das zusammenleben mit tschetschenen?

Gaviota
01
23.10.2009, 15:11

"Neigung mancher Österreicher, ein Feindbild der "anderen" aufrecht zu erhalten, um sich selbst zu definieren"

Identitätsprobleme als Erklärung für Ausländerfeindlichkeit? - Ein fragwürdiger Ansatz, wenn man mal über die österreichischen Staatsgrenzen hinausschaut. Bekannte von mir leben in Südfrankreich und überlegen auszuwandern, weil sie die Ausländerfeindlichkeit dort nicht mehr ertragen. Nun sind aber gerade die Franzosen das Beispiel schlechthin einer sehr selbstbewussten Nation, die keine Identitätsprobleme haben dürfte. Die Deutschen vor dem Nationalsozialismus litten zwar an den Folgen nationaler Demütigung (Versailles), waren kulturell aber sehr selbstbewusst ("Volk der Dichter und Denker"). So einfach ist's wohl nicht.

Gaviota
03
23.10.2009, 17:03

Eher schon würde ich Ausländerfeindlichkeit mit einem Mangel an individuellem Selbstwertgefühl in Verbindung bringen. Je besser dieses ist, desto weniger bedarf es der Krücke des Nationalstolzes und desto weniger muss man andere abwerten, um sich selbst aufzuwerten.

Martin Ulrich Fischer
15
23.10.2009, 11:10

Sieht Herr Johnston nicht, dass sein Ansatz ein rassistischer ist? Jede Aussage wie "Die Franzosen sind...", "die Italiener sind" (nicht zu reden von "die Araber sind" etc.) würde sofort als vereinfachende Dummheit zurückgewiesen.
Ich habe mir das übrigens schon vor vielen Jahren bei Erwin Ringel gedacht.

Nick Tameer
00
31.10.2009, 11:36

Gegen diese Diagnose möchte ich einwenden, dass dies vielleicht unzulässige Verallgemeinerungen sind, die zu den Elementen des Rassismus gehören, ihn aber noch nicht ausmachen.

Von Rassismus (der zwischen aggressiver Ablehnung und herablassendem Wohlmeinen changieren kann) lässt sich erst sprechen, wenn neben die Sterotype die Vorstellung der eigenen Überlegenheit kraft Zugehörigkeit zu einer bestimmten, sei es eher ethnisch-kulturell oder eher biologisch verstandenen Gruppe tritt.

Martin U. Fischer
00
27.10.2009, 18:12
weiß zwar nicht wie das passiert ist, aber

von mir stammt dieser Kommentar nicht - ich habe mir zu Ringel noch nie etwas gedacht *gg*

Njata
10
25.10.2009, 10:36
Rassismus?

Dieses Kommentar ist typisch oesterreichisch! Man fuehlt sich gekraenkt, auf Dinge hingewiesen zu werden, die vielleicht doch ein bisschen wahr sind, diese Ablehnung schlaegt sich entweder in Rassismus nieder oder dem vermeintlichen Gegenteil, welches aber eine Tarnkappe ist, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen - Ablehnung und nicht Verstehen und Annaehrung ist in beiden Faellen das Motiv.

Gaviota
12
23.10.2009, 14:05

Rassismus bedeutet nicht, bestimmten Gruppen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, sondern Gruppen pauschal abzuwerten und/oder zu diskrimieren.

Dumm ist es meines Erachtens zu leugnen, dass es Mentalitätsunterschiede zwischen unterschiedlichen "Kulturen" gibt (und solche unterschiedlichen "Kulturen" gibt es bereits innerhalb des deutschen Sprachraums, erst recht innerhalb Europas und weltweit). Es ist deshalb dumm, weil erst die Anerkennung kultureller Unterschiede einen konstruktiven Umgang ermöglicht und hilft Konflikte zu entschärfen. Wenn ein Wiener (erst recht ein Spanier) beispielsweise weiß, dass man in Norddeutschland direkter ist, muss er sich von einem als schroff empfundenen Ton nicht persönlich angegriffen fühlen. Usw.

Nick Tameer
00
31.10.2009, 11:48

Es gibt zweifellos bestimmte Eigenheiten im Gebaren und im sozialen Umgang, die bei verschiedenen Nationalitäten kulturell verschieden ausgeprägt sind und typische Muster bilden. Aber man kann doch rasch feststellen, dass solche Unterschiede gegenüber den individuellen Charaktereigenschaften fast bedeutungslos sind. Mit der Zuschreibung ethnisch abgrenzbarer Mentalitäten bin ich daher lieber zurückhaltend.

Baronin von Porz
01
23.10.2009, 23:09

nein, sondern wenn man gruppen pauschal kollektive eigenschaften, eine mentalität zuweist, die sie von anderen unterscheiden. und vielleicht noch meint, dass die angeboren sind. ob gut oder schlecht ist da wurscht. wenn ich jetzt zum bleistift die isländer oder die ösis als die überdrüberübermenschen darstelle, ist das nicht abwertend und nicht negativ diskriminierend, aber es ist eindeutig...

Gaviota
00
23.10.2009, 23:43

Seufz. Mir geht es nicht darum, eine Gruppe als "Überdrübermenschen" darzustellen. Schon gar nicht geht es mir um "angeborene" Unterschiede.

Worum es mir geht, sind jene Momente, in denen man als im Ausland lebender Mensch ins Fettnäpfchen tritt, ohne es zu wollen. Das sind die Momente, in denen sich - ob's mir nun passt oder nicht - klar zeigt, dass es so etwas wie ANERZOGENE Unterschiede gibt, die eben nicht individueller, sondern kollektiver (regionaler, kultureller) Art sind. Da muss ich gar nichts zuweisen, das weist sich von selbst zu. Um das zu verstehen, muss man allerdings intensiver mit Menschen zu tun haben, die aus einer anderen Gegend/"Kultur" kommen, wobei dazu auch Norddeutschland oder Spanien reicht.

Quintus Beckloeffel
11
23.10.2009, 13:23

Nein, das ist nicht rassistisch, sondern etatistisch. Er hängt ja der Meinung an, dass nicht die biologische Kollektivcharakteristik den Menschen primär prägt (und auch nicht die kulturgeographische oder sprachliche), sondern der Staat, in dem er seine Steuern zahlt. Weil die Menschen, die vor hundert Jahren in Salzburg gelebt haben, dem Kaiser in Wien Steuern gezahlt haben, haben sie nach Johnston "das österreichische Wesen" angenommen.

Also meditieren Sie über Ihrem nächsten Steuerbeischeid - das ist Identitätsstiftend!

Geh!danke
01
22.10.2009, 18:40
Da Transnationale und Deutschnationale in zwei großen Kriegen gescheitert sind,

wäre es vielleicht doch einmal an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, was Ö. ist und ob es mehr ist als "der Rest" einer ehem. Großmacht und ein Ort, wo sichs gut leben lässt.
Natürlich, man kann derlei naserümpfend als gestrig abtun, hilfreich ist das nicht, weil bekanntlich Stereotypien wirkmächtig sind, auch unter gebildeten Leuten, da ohne sie der Alltag nicht bewältigbar ist.
Wollen wir den Außen-Ansichten über uns keine Eigen-Bilder entgegensetzen, wie das fast alle "Vereinten Nationen" tun, laufen wir Gefahr, aus dem ständigen Sich-erklären-Müssen und der Apologetik nicht herauszukommen. Daher bin ich Johnston (und der Interviewerin, auch wenn sie ihre ideolog. Scheuklappen zeigt) dankbar für dieses wichtige Thema.

Quintus Beckloeffel
36
22.10.2009, 20:46
Diese ganze Austro-Esoterik ist nichts anderes als der Versuch,

das Staatsgerüst, das man unfreiwillig und ohne Rücksicht auf kulturelle Adäquatheit als historisches Zufallsprodukt der 1918 aktuellen Machspielchen übergestülpt bekommen hat, nachträglich mit "Wesen" zu füllen und so zu tun, als ob dieser Staat ein Maßanzug für eine Bevölkerung sei, die ihrer platonischen Idee nach schon immer darauf gewartet hat, endlich diese ihr gemäße Form zu finden.

Wäre den militärischen Machthabern damals eingefallen, eine Staatsgrenze entlang des 50. Breitengrades zu ziehen, dann wären früher oder später Hermeneuten auf den Plan getreten, die vom "Wesen des Menschen südlich des 50. Breitengrades" faseln, der "immer schon irgendwie anders war" als seine Nachbarn nördlich des 50. Breitengrades.

Para Dox
20
23.10.2009, 16:55
Naja,

das Herzogtum bzw. Erzherzogtum Österreich, das (sehr grob) den heutigen Grenzen entspricht wurde vor über 500 Jahren gegründet.

Quintus Beckloeffel
02
23.10.2009, 18:01

Na und? Was hat die Tatsache, dass es ein politisches Gebilde gab, das den Namen "Österreich" trug und entgegen Ihrer Behauptung herzlich wenig mit den Grenzen der heutigen Republik gemein hat (Legen Sie einmal die historischen Umrisse jemandem vor und lassen Sie ihn raten!) und in dem niemals der Anspruch einer nationalen Separation erhoben wurde, mit dem zu tun, was ich geschrieben habe?

Das bayerische Herzogtum gibt es dem Namen nach noch länger. Und dennoch bildet der Freistaat Bayern heute keine "wesensmäßige" Einheit, sondern ist eine politisch zusammengeschusterte Chimäre aus unterschiedlichen regionalen Kulturen, die lediglich die deutsche Nationalität gemeinsam haben, aber kein zwischengeordnetes "bayerisches Wesen".

Nick Tameer
00
31.10.2009, 14:48

Saupreiß, austriakischer! Was soll diese Beleidigung des Bayerntums? Es gibt keine Franken, sondern nur Talbayern!

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
00
1.11.2009, 23:01

Und was ist mit den unterdrückten Schwaben ? Alles Westbayern ?

Gaviota
00
22.10.2009, 22:52

Nach 90 Jahren muss man nichts "nachträglich mit Wesen füllen", es HAT sich längst mit Wesen gefüllt.

Bjargi Bjargison
11
23.10.2009, 08:06

Nicht unbedingt, wie der andauernde Diskurs zu diesem Thema ja beweist.

Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass der einzige "national-einende" Wesenszug dieses Landes der diffuse Glaube an einen sozialen Wohlfahrtsstaat ist. Das halte ich für bedenklich, weil dieser zwangsläufig irgendwann an sein Ende kommen muss, und wenn, überspitzt gesagt, Geld das einzige ist, was unsere Gesellschaft zusammenhält, dann kann das nicht genug sein. MMn hat man 45-55 einfach zu radikal die gesamte und lange Vorgeschichte Österreichs ausgeholzt, und nun steht man vor einem ideologischen Rohbau und das Volk hat kein in sich ruhendes Selbstverständnis. Als kläglicher Ersatz dient derweil noch ein reginaler Bundeslandpatriotismus.

Gaviota
00
23.10.2009, 14:34

Es ist doch ganz einfach. Gehen Sie mal auf die Straße und fragen Sie die Leute, als was sie sich fühlen! Alle werden ganz selbstverständlich sagen: "als Österreicher". Wenn Sie die Leute fragen, ob sie sich als Deutsche oder als nationslos oder identitätslos empfinden, werden die sich an die Stirn klopfen.

Jetzt mag sich die Wissenschaft den Kopf darüber zerbrechen, worin dieses "Österreichische" besteht, aber Realität ist es längst.

Baronin von Porz
00
23.10.2009, 23:10

in kärnten würde es anders ausgehen. :-(

Gaviota
00
24.10.2009, 00:03

Woher wissen Sie das so genau? Immerhin wählen die mehrheitlich das "Bündnis Zukunft ÖSTERREICH". Und das hat dessen aus dem deutschnationalen Milieu kommender, inzwischen verstorbener Gründer wohl nicht ohne Grund so genannt.

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