Zocken ist Teil des Geschäfts

20. Juli 2009, 18:31
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Ich gebe zu: In meinem letzten Blog von vergangener Woche habe ich die Risikogeschäfte der Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) etwas zu positiv bewertet. Vor allem die später aufgetauchte Nachricht, dass die Agentur sich ganz gezielt auf dem Kapitalmarkt zusätzliches Geld ausgeborgt hat, um dieses dann in spekulativen Papieren zu investieren, sollten alle Alarmsirenen läuten lassen. Eine solche Strategie des Leveraging gehört nicht in den Aufgabenbereich des öffentlichen Schuldenmanagements.

Dazu kommt, dass sich die ÖBFA nicht allein auf die Ratingagenturen hätten verlassen dürfen. Sicher klingt es gut, wenn ein Papier ein Top-Rating hat und dennoch höhere Renditen abwirft, aber das sollte Finanzexperten stutzig machen. "There is nothing like a free lunch" oder "kein höherer Gewinn oder höheres Risiko" – diese finanztechnischen Grundregeln können nie außer Kraft gesetzt werden

Dennoch sind die politischen und medialen Reaktionen auf die Verluste der ÖBFA zum Großteil verfehlt. Es wird so getan, als ob das Problem gewesen ist, dass die Agentur wie im Casino gezockt hat, statt Vorsicht walten zu lassen. Aber wer hunderte Milliarden an Schulden zu verwalten hat, der muss ständig mit dem Risiko umgehen.

Soll man sich in Euro, Dollar oder Yen verschulden? Kurzfristig oder langfristig? Soll man jetzt mehr Anleihen auflegen oder noch ein wenig warten? Und wenn man Schulden auf Vorrat aufnimmt, weil der Markt gerade besonders gut aussieht, wie legt man dieses Geld zwischenzeitlich an, um möglichst hohe Renditen zu verdienen? Jeder dieser Entscheidungen ist wie wenn man bei Roulette auf rot oder schwarz setzt. Das Zocken ist Teil jedes Finanzgeschäftes.

Entscheidend ist nicht der Verzicht aufs Zocken, sondern ein vernünftiges Risikomanagement. Und das dürfte nach allem, was bekannt ist, die ÖBFA-Führung sehr wohl betrieben haben. Sonst wären die von der Finanzkrise ausgelösten Verluste um vieles, vieles höher.

Neue Richtlinien, wie sie Finanzminister Josef Pröll nun plant sind angesichts der völlig veränderten Bedingungen auf den Finanzmärkten sicherlich vernünftig. Aber wenn dabei der Spielraum der ÖBFA zu sehr eingeengt wird, dann wird dies die Republik über die Jahre sehr viel Geld kosten. Die Schuldenmanager müssen zocken dürfen – mit Vernunft und Augenmaß.

Nun noch zur Frage der politischen Verantwortung: Wilhelm Molterer hat Anfang 2007 die umstrittene Geschäftspraxis der ihm unterstellten Manager von Karl-Heinz Grasser übernommen und bald darauf beendet. Er kann ebenso wenig dafür wie sein Nachfolger Josef Pröll.

Grasser selbst könnte sich damit rechtfertigen, dass ein gewisses Risiko zum Finanzgeschäft dazu gehört, auch wenn es öffentliche Gelder sind, und dass es darauf ankommt, mehr zu verdienen als zu verlieren. Aber wenn er sich nun hinstellt und behauptet, in seiner Zeit sei alles toll gelaufen und erst unter Molterer seien die Verluste aufgetreten, dann ist er entweder uninformiert oder (was wahrscheinlicher ist) unehrlich.

Die Verluste nach 2007 hingen direkt mit den zuvor erzielten Gewinnen zusammen. Die Praktiken der ÖBFA wurden von Grasser abgesegnet und wahrscheinlich auch gefördert. KHG ist für die guten wie für die schlechten Jahre verantwortlich. Doch Verantwortung ist für den ehemaligen Sunny Boy offenbar ein Fremdwort.

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