Viele Fragen rund um Raiffeisen

1. Juli 2009, 16:08
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Es ist die vielleicht wichtigste Frage für Österreichs Wirtschaft und Politik, und sie ist derzeit kaum zu beantworten: Wie geht es Raiffeisen, dem laut jüngsten Analysen von Harald Katzmair mächtigsten Verband im heimischen Macht- und Beziehungsnetzwerk?

Zwei völlig unterschiedliche Darstellungen der Realität stoßen hier aufeinander. Wir wissen, dass die Raiffeisen International in Mittel- und Osteuropa (CEE) so stark engagiert ist wie kaum eine andere Bank der Welt.

Wir wissen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise diese Region besonders hart trifft – wenn auch nicht alle Länder gleich. Für die RI ist das kein Trost, denn sie steckt in den Risikokandidaten Ukraine und Russland besonders tief drinnen. Wenn die Ukraine mit ihrer Drohung ernst macht und die Pfandrechte für alle Gläubiger für ungültig erklärt, dann hat Raiffeisen ein weiteres Problem – ein Milliardenproblem.

Wir wissen, dass die Krise in den betroffenen CEE-Staaten sich erst entwickelt und im Laufe des Jahres immer stärker zu spüren sein wird – für die Bürger, für die Unternehmen und für die dort aktiven Banken.

Wir wissen, dass die Raiffeisen Zentralbank Anfang der Woche mit ihrem Versuch gescheitert ist, eine ungesicherte, nachrangige 500-Millionen-Euro-Anleihe durch eine andere mit geringerem Nennwert und viel höherem Coupon zu tauschen.

Allein das Ansinnen könnte unbefangenen Beobachtern wie ein Verzweiflungsversuch eines angeschlagenen Unternehmens erscheinen. Dass es schließlich im letzten Moment zurückgezogen werden musste, weil die Investoren kein Interesse zeigten, sollte eigentlich alle Alarmsirenen läuten lassen.

Tatsächlich laufen in der Englischsprachigen Blogosphäre und in den Londoner Märkten zahlreiche Gerüchte über den Zustand von Raiffeisen herum – und freundlich sind sie nicht. Je weiter man sich geographisch und psychologisch vom Stadtpark (dem Standort von der RZB und der RI) entfernt, desto negativer wird die Einschätzung des Giebelkreuzes.

Überraschen sollte all das nicht: Plötzliche Rückzieher wie der von RZB haben im Laufe der Finanzkrise bei anderen internationalen Banken Paniken ausgelöst und in manchen Fällen den Anfang vom Ende eingeläutet.

Aber davon ist bei Raiffeisen nach außen hin nichts zu spüren. Die RI-Aktie hält sich gut. RI-Chef Herbert Stepic spricht zwar bei jeder Gelegenheit von kommenden Problemen, aber Genaueres lässt er nicht heraus.

RZB-Chef Walter Rothensteiner ließ am Dienstag im Club der Wirtschaftspublizisten verlauten, alles sei paletti. Die Bank braucht kein Kapital und keine Staatshilfe, das Geschäft laufe gut, die Risiken seien unter Kontrolle. Am selben Abend feierte die RZB mit rund tausend Gästen im Liechtenstein Museum, als hätte es nie einen Lehman-Kollaps gegeben.

Und wer Generalanwalt Christian Konrad zuhört, der muss überhaupt zum Schluss kommen, dass sich die heile Raiffeisenwelt auf einem anderen Planeten befindet.

Was soll man aus all dem machen? Rothensteiner weiß, warum er sagt, dass er sich nicht vor den Halbjahreszahlen fürchtet. Aber das mag auch daran liegen, dass die Banken bei der Bewertung von Krediten und Beteiligungen so viel Spielraum haben, dass sie mögliche schlechte Nachrichten noch lange verzögern können.

In Österreichs Bankenzirkeln ist mehr oder weniger offen von einer internationalen Verschwörung gegen die Austro-Institute die Rede, denen der Erfolg in Osteuropa geneidet wird. Und gerne verweist man dabei auf das Versagen der Ratingagenturen in der Subprime-Bewertung und auf den spektakulären Rechenfehler des IWF im April bezüglich der Verschuldung der Oststaaten – als ob dies der Auslöser der Krise gewesen wäre (er spielte kaum eine Rolle).

Dass nicht alle internationalen Banker, Analysten und Blogger den Österreichern gut gesonnen sind, mag schon stimmen. Aber selbst führende heimische Experten wie der Topanwalt Stefan Eder von DLA Piper erklärte jüngst bei einer Diskussionsrunde, dass die Expansion im Osten viel zu rasch und mit zu wenig Rücksicht auf das Risiko abgelaufen sei.

Und wie viel sind die anders lautenden Aussagen von Stepic, Rothensteiner & Co. wert? Was sollen sie den tun, als die Lage schön zu reden, wenn ihre einzige Chance darin besteht, auf eine Erholung der Märkte und Wirtschaftslage bis Jahresende zu hoffen? Ihre Glaubwürdigkeit ist in dieser Sache noch niedriger als selbst der Moody's-Analysten.

Viele Fragen, wenige klare Antworten. Aber eines ist sicher: Wenn die Horrorszenarien für die RI Wirklichkeit werden, dann wackelt das ganze Raiffeisen-Imperium – und damit eine Säule unserer Republik, zu der nicht nur ein guter Teil der Printmedien zu zählen ist, sondern auch die halbe ÖVP einschließlich ihres Parteichefs. Eine unheimliche, aber auch faszinierende Aussicht.


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