Ökonomische Glaubenskrieger

12. Juni 2009, 23:55
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Die jüngste Attacke des Wifo-Ökonomen Markus Marterbauer auf meinen Kollegen Andreas Schnauder in der Freitagsausgabe des Standard ("Diese Sichtweise offenbart erschreckendes Unverständnis gegenüber fundamentalen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen") ist nicht nur polemisch, untergriffig und in weiten Strecken inhaltlich fragwürdig.

Sie zeigt vor allem auf, in welchem Ausmaß die Finanzkrise einen Glaubenskrieg unter Ökonomen ausgelöst hat. Liberale und linksgerichtete Volkswirte gehen aufeinander mit Attacken und Unterstellungen zu, die aktuelle Krise und den möglichen Ausweg nicht zu verstehen. Und sie argumentieren dabei mit unterschiedlichen Beispielen aus der Vergangenheit.

Besonders krass ist der Tonfall des linken Lagers – siehe nicht nur Marterbauer, sondern auch die Nobelpreisträger Joseph Stieglitz und Paul Krugman , die jedem Kritiker der Defizit-Politik der US-Regierung vorwerfen, nichts aus der Geschichte der dreißiger Jahre gelernt zu haben und nun genau jene Politik zu vertreten, die zur großen Depression und indirekt zur Machtergreifung Adolf Hitlers geführt hat . Der gehässige Tonfall legt nahe, dass sich die Keynesianer für jahrzehntelange Schmähungen des neoliberalen Lagers rächen wollen.

Dort wiederum werden mit steigender Intensität die alten Argumente gegen zu hohe Staatsausgaben wiederholt. Staatsschulden würden private Kreditnehmer aus dem Markt drängen – das berühmte "Crowding-out" ¬– und zukünftige Generationen schwer belasten. Eine zu expansive Geldpolitik würde genau jene Fehler wiederholen, die zur Krise geführt haben und in einer hohen Inflation münden. Und die Staatshilfen für gefährdete Betriebe würden den Wettbewerb verzerren und verhindern, dass die wirklich guten Unternehmen aus der Krise profitieren. Das schaffe Ineffizienz und werde der Wirtschaft langfristig schaden.

Zu jenen Skeptikern des Neo-Keynesianismus gehört etwa der kürzlich gestürzte tschechische Premier Mirek Topolanek, der die US-Wirtschaftspolitik im EU-Parlament als "Straße zur Hölle" bezeichnete, aber auch Erich Streissler, der im aktuellen Interview mit mir dargelegt hat, warum all diese Staatsinterventionen eigentlich keinen Unterschied machen.

Das absurde an diesem Glaubenskrieg ist, dass es keine richtigen und falschen Antworten gibt. Beide Seiten haben Recht – aber nur dann, wenn sie ihre eigene Unsicherheit und Unwissenheit eingestehen. Bei einem massiven Abfall der Nachfrage sind Staatsausgaben notwendig, um die Konjunktur wieder anzukurbeln. Aber dies führt auch sehr schnell wieder zu all jenen Problemen, die neoliberale Skeptiker stets anführen.

Das lässt sich etwa am jüngsten Anstieg der Zinsen von längerfristigen US-Anleihen sehen, der die Angst vor zu viel Staatsschulden und zukünftige Inflation widerspiegelt. Wenn die Null-Prozent-Zinspolitik der Fed die Kredite für die Wirtschaft nicht mehr verbilligt, weil die Märkte zu viele Staatsanleihen und hohe Inflation fürchten, dann erweist sie sich rasch als wirkungslos. Ein Punkt für die Neoliberalen.

Aber auch die Keynesianer haben starke Argumente auf ihrer Seite, vor allem, wenn sich die US-Konjunktur tatsächlich bald zu erholen beginnt. Dann hat das sehr viel mit der expansiven Wirtschaftspolitik von Barack Obama zu tun.

In einigen Monaten, vielleicht auch erst in einigen Jahren wird man besser abschätzen können, was in dieser unvergleichbaren Krise wirklich der beste Weg war. Dann können sich die Ökonomen ruhig dogmatische Überzeugungen an den Kopf werfen. Aber derzeit ist es unverantwortlich und letztlich dumm, mit ideologischen Scheuklappen die eigene Unsicherheit zu überspielen. Fundamentalismus hat hier nichts verloren.


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