Langzeitschäden

20. Oktober 2009, 14:31
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Die Flaming Lips veröffentlichen das vollkommen bescheuerte Album "Embrionic".

Als ich die Flaming Lips zum ersten Mal gesehen habe, hab ich sie nicht gesehen. Nicht wirklich. Man konnte sie nämlich nur als Schatten ausmachen. Als Schatten im dichten Trockeneisnebel, den Stroboskoplicht durchzuckte. Und zwar bis ich es nicht mehr ausgehalten habe. Das war 1992 in Memphis, in einem Club namens Antenna. Den gibt’s nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass in der Nähe ein kleines Diner war, das P&H hieß, das stand für "Poor & Hungry" und kochte entsprechend, und da saß die Band auch drinnen. Vor der Show. Also hab ich sie eigentlich da zum ersten Mal gesehen. Wurscht.

Nachdem P&H sind wir also ins Antenna gegangen. Irgendwann setzte der Irrsinn ein: FL live bedeutete damals Wah-Wah-Gitarren-Feedback-Irrsinn und eben jene optische Anmutung, die nur aus Nebel und Lichtzucken bestand. Und enormer Lautstärke. Gnadenlos. Ich kannte die Band nicht besonders gut, hatte bestenfalls ein oder zwei Alben gehört, fünf gab’s damals. Thank you, Google. Nach einer halben Stunde und ersten Anzeichen von Schädelweh und der immer drängenderen Sinnfrage (WTF!) sind wir dann gegangen. Ich weiß noch, dass man sich auch vor dem Club noch anschreien musste.

Insgesamt war es also nicht gerade Liebe auf den ersten Blick, und eigentlich haben mich die Lips erst mit "The Soft Bulletin" gekriegt, sieben Jahre und einige Alben später. Das ist immer noch ihr bestes Album. Das ist so gescheit, so schön, so originell – ein echtes Meisterwerk. Wie immer nach großen Würfen wird es dann schwierig. Flaming Lips sind bei mir seit "Soft Bulletin" wieder am absteigenden Ast. Diese "Yoshimi dings…" fand ich noch okay, "At War" schlecht und jetzt kam vor zwei Wochen die neue rein.

"Embrionic" heißt die und ist klingt wie ein Kündigungsschreiben bei der Plattenfirma. Die ersten beiden Stücke gehen ja noch, dann wird alles ein mühsamer Jam aus Ideenschüben ohne größere Vision und ohne Substanz. Da helfen auch Promi-Gäste wie Karen O von den Yeah Yeah Yeahs oder einer von MGMT nicht. Erstere kreischt bei einer Nummer pseudogeil rum, der zweite fällt nicht weiter auf. Jede Wette, dass das Album in den Regalen liegen bleibt wie Blei. Da kann Pitchfork noch so jubilieren.

"Embrionic" ist nämlich echt ganz schlimme Hippie-Scheiße, die ein bisserl bei Can andockt, aber die hatten ja Disziplin, waren schließlich Deutsche. Und jetzt wird’s ganz fertig: Als nächstes planen die Lips "Dark Side Of The Moon" von Pink Floyd in seiner Gesamtheit zu covern.

Tja, nicht erst seit den Butthole Surfers weiß man, dass Stroboskoplicht im Dauereinsatz Langzeitschäden hinterlassen kann. Wayne Conye und Co mögen Memphis 1992 vergessen haben, überstanden haben sie es nicht. :)

(Karl Fluch, derStandard.at, 20.10.2009)

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    foto: der standard
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