Der Tod des Binnen-I

4. Oktober 2009, 14:33
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Es gebe mehr als zwei Geschlechter, meinen Transgenderpersonen und Transsexuelle - und plädieren für _ statt I

 

Jahrelang war es der sichtbarste Ausdrucks von Political Correctness in der geschriebenen - sowie, pantomimisch ergänzt, auch in der gesprochenen - deutschen Sprache. Jetzt jedoch könnte der geschlechtergerechten, aber optisch balkenähnlichen - und daher vielfach als störend empfundenen - Unterteilung der Hauptwörter durch ein großes I (BlogerIn, PosterIn, HerrIn, FeministIn, usw., usf.) ) das letzte Stündlein schlagen.

Es hat sich ausge-I-t, sozusagen, aber nicht, um wieder zum grammatikalisch korrekten, aber rein männlichen und daher einseitigen Sprachgebrauch zurückzukehren. Sondern, ganz im Gegenteil, um aus den zu eng empfundenen Grenzen auszubrechen, die der Menschheit durch die schnöde Zweigeschlechtlichkeit auferlegt sind. Neben Männern und Frauen, männlich und weiblich, gebe es noch andere Geschlechtsidentitäten, meinen die Fürsprecher, Fürsprecherinnen und anderen des neuen _ .

Das_ soll Menschen, die zwischen den Geschlechtern stehen, mit hinein in die Sprache nehmen: Sei es als Transgenderpersonen, die in ihrem ursprünglichen Geschlecht nicht zu Hause sind oder als Transsexuelle, die von beiden Geschlechtlichkeiten etwas haben (wollen). Aus BlogerIn wird so Bloger_in, aus PosterIn Poster_in - und was das für die Feminist_innen bedeutet, muss erst noch abgewartet werden.

Bemerkbar ist, dass das _, von der Genderforschung ausgehend, derzeit immer weitere Kreise zieht - doch dieses Umsichgreifen geht lautlos von sich. Denn während selbst der letzte Macho die Bedeutung des Binnen-I inzwischen begriffen hat und gegebenenfalls dagegen anwettert, steht wohl eine satte Mehrheit aller Menschen dem _ ebenso ratlos gegenüber wie der Transgenderbewegung insgesamt. Der Gedanke, dass Geschlechtsidentität nicht angeboren ist und nicht unbedingt mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen übereinstimmen muss, ist eben nicht leicht zu fassen. Aber immerhin bringt er Abwechslung ins Schriftbild.

Irene.Brickner@derStandard.at

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