Sommer der Abschiebungen in einer Wiener Schule

13. August 2009, 18:44
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Bei Unterrichtsbeginn im Herbst werden mehrere Mitschüler verschwunden sein. Sind die Folgewirkungen des österreichischen Asyl- und Fremdenrechts noch akzeptabel - oder wird das Maß des Duldbaren nicht zuweilen überschritten?

Das Mail einer Frau, deren Sohn in die Wiener Oskar-Spiel-Volksschule im 15. Wiener Gemeindebezirk geht, wirft die Frage auf, ob die Folgewirkungen des österreichischen Asyl- und Fremdenrechts noch akzeptabel sind - oder ob das Maß des Duldbaren nicht zuweilen überschritten wird. Denn im September, wenn der Unterricht wieder startet, werden mindestens zwei Mitschülerinnen nicht mehr da sein: Mädchen aus Tschetschenien, Flüchtlingskinder, die samt ihrer Mutter - einer Witwe, deren Ehemann im Krieg umkam - Anfang August nach Polen abgeschoben worden sind.

Polen ist laut der EU-weiten Dublin ll-Richtlinie für ihr Asylverfahren zuständig. Dass sich Tschetschenen dort besonders vor Zugriffen der russsischen Geheimpolizei fürchten und unter haftartigen Bedingungen leben müssen, sowie dass es angesichts der Morde an Regimekritikern in Tschetschenien Gründe geben könnte, Flüchtlinge aus diesem Land schonend zu behandeln, wurde - wie in vielen ähnlichen Fällen auch - nicht berücksichtigt.

Die Frau und ihre Töchter - eine besuchte die dritte, eine die vierte Klasse - hätten sich vor der drohenden Außerlandesbringung sehr gefürchtet, schildert Gabriele Anderl. Sie hätten in diesem Zusammenhang von "Deportation" gesprochen. In Österreich hätten sie sich stark um Integration bemüht, so sehr, dass die Mädchen nach nur zwei Jahren in Österreich sehr gut Deutsch beherrschten. Das half ebensowenig wie alles nichts: Die Fremdenpolizei kam eines frühen morgens in ihre Wohnung, einige Tage vor einem offiziellen Ladungstermin, und holte sie ab. Ein Großteil der kargen Besitztümer sei zurückgeblieben.

Jetzt zittern Gabriele Anderl und ihr Sohn um eine weitere tschetschenische Familie, die zwei Söhne in der Oskar-Spiel-Schule hat; einer von ihnen könnte aufgrund seiner guten Leistungen in der Volksschule ab Herbst ein Gymnasium besuchen. Die Familie müsse täglich mit ihrer Abschiebung rechnen: "Sie haben es gerade geschafft, ein bisschen Normalität in ihr Leben zu bringen und jetzt sollen sie wieder aus allem herausgerissen werden", schreibt sie. Und: "Ich finde es schockierend, dass die Öffentlichkeit die Abschiebungen inzwischen als Normalität betrachtet. Es ist bekannt, dass ein großer Teil der Bevölkerung sie befürwortet, aber auch engagierte Leute haben sich schon irgendwie damit abgefunden." Leider - und die Frage ist: warum?

Irene.Brickner@derStandard.at

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