Die Abkehr von Gott, als Religion betrachtet

19. Juli 2009, 09:41
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Die Zustimmung des österreichischen Werberats zur neuen Freidenker-Plakatkampagne ist beachtlich, doch ihre Begründung wirft Fragen auf

 

Ist Nichtglauben auch ein Glauben? So lautet eine paradoxe Frage, die sich angesichts der Reaktion des österreichischen Werberats ( http://www.werberat.or.at )auf die aktuelle Atheisten-Plakataktion http://www.ag-athe.at , http://www.atheisten.at , http://www.freidenker-oesterreich.at ) stellt. Besagte Freidenker-Werbekampagne mit Slogans wie "Es gibt keinen Gott. Gutes tun ist menschlich" und "Gott ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein tschechischer Schlagersänger. Entspann dich. Er wird dir nichts tun" ist seit Donnerstag in den beleuchteten Vitrinen und auf den rotierenden Litfasssäulen der Wiener City Lights in U-Bahnpassagen und Einkaufsstraßen zu sehen.

Die Plakate seien der Öffentlichkeit durchaus zuzumuten, verkündete Werberat-Geschäftsführer Markus Deutsch nach einer "sehr knapp" ausgegangenen internen Abstimmung. Das Ja ist dem sonst eher konfliktscheuen Selbstkontrollorgan der heimischen Werbewirtschaft hoch anzurechnen, immerhin ist Österreich immer noch ein überwiegend katholisches und auch sonst religionsoffenes Land. Dennoch gibt die Begründung einiges zu denken auf: Denn der Werberat ist "zu der Überzeugung gekommen, dass auch für den Atheismus das Prinzip der Religionsfreiheit gilt" - also jenes Menschenrecht, das jedem/r zugesteht, Glaubensbekentnis oder Weltanschauung frei zu wählen.

Was, bitte, ist damit genau gemeint? Dass Atheismus, also bewusste Gottlosigkeit, eine Religion ist? Dass sie eine Weltanschauung ist - und damit einer Religion gleichwertig? Warum, so fragt man sich, konnte der Werberat die Kampagne nicht schlicht als Ausdruck freier Meinungsäußerung werten und befürworten? Weil er damit Gottesgläubige vor den Kopf gestoßen hätte? Aber vielleicht hat das alles seine Richtigkeit, denn gewisser Hinsicht sind Atheisten religiöser als so mancher "offizieller" Religionsangehöriger: Freidenker, die Gott ablehnen, beschäftigen sich immerhin mit ihm, während eine große Zahl von Menschen einer solchen Beschäftigung schlicht aus dem Weg geht.

Irene.Brickner@derStandard.at

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