Von der "latenten Gewaltbereitschaft" der Ausländer

10. Juli 2009, 23:04
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Nach einem Mord auf offener Straße in Wiener Neustadt sucht der dortige Vizebürgermeister Christian Stocker (VP) nach Erklärungen - und landet bei Klischees

 

Der gewaltbereite Tschetschene. Der drogendealende Nigerianer. Der frauendiskriminierende Türke. Ethnische Klischees wie diese bestimmen weitgehend das Bild von "Ausländern" in Österreich - und die Gedankenwelt vieler Landesbewohner. Wer mit diesen Bildern Politik macht, wer mit ihnen spielt, der zündelt - sagen Menschen, die diese Vorurteile ablehnen. Sie haben Recht - und werden dafür von anderen als blauäugig und naiv bezeichnet: Die Vorurteilsfeinde machten die Augen vor den real existierenden Problemen mit der Einwanderung zu. Probleme, meinen sie. Probleme, die da seien: Gewalttätigkeit, Frauendiskriminierung und Drogendealen.

Nehmen wir als Beispiel Wiener Neustadt in Niederösterreich, wo vor sieben Wochen, am 22. Mai 2009, in der Fußgängerzone und innerstädischen Partymeile ein Mord geschehen ist. Drei Männer aus der türkischen Community sind in Streit geraten, einer hat eine Schusswaffe gezückt - und auf seinen Kontrahenten abgedrückt. Dieser ist zusammengebrochen und gestorben, auf offener Straße. Seither ist viel von einem öffentlichen Gewaltproblem in Wiener Neustadt die Rede.

Etwa auch von Seiten des Wiener Neustädter Vizebürgermeisters Christian Stocker (VP), der sich im Interview mit den Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN) zu Wort gemeldet hat: "Bei Ausländern und eingebürgerten Ausländern herrscht eine latente Gewaltbereitschaft, die nicht ausreichend beleuchtet wird. Die von der Stadt bezahlten Integrationsmitarbeiter haben keine Ahnung, was sich da abspielt", wird er in der lokalen NÖN-Ausgabe von Anfang Juni zitiert.

Im persönlichen Gespräch holt Stocker weiter aus: Die Gewaltbereitschaft in Wiener Neustadt sei ein "Streitbeilegungsproblem". Manche Migranten lebten in einem "rechtlichen Parallelsystem". Um dem abzuhelfen, müsse auf man auf "Inländer" wie auf "Ausländer" zugehen: Mit Hilfe von mehr Sicherheitskräften und Sozialarbeit.

Ein Mord auf offener Straße verlangt nach Klärung, Ursachensuche und konkreten Folgemaßnahmen - also hört sich das gar nicht unvernünftig an. Doch wozu, fragt man sich, braucht der Mann seine Pauschalisierungen? Bleibt denn ein "Ausländer" immer ein "Ausländer", auch wenn er bereits lange in Österreich oder gar eingebürgert ist? Ist ein "gewaltbereiter eingebürgerter Ausländer" nicht im Grunde schon ein "gewaltbereiter Inländer"?

Und: Wem nutzt diese Aufteilung der Menschen in "die von hier" und "die von woanders"? Im Grunde doch den Hetzern.

Irene.Brickner@derStandard.at

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