Muslime als Feindbild: eine FPÖ-Wahlkampfbilanz

6. Juni 2009, 21:16
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Das Auskommen mit Muslimen ist in Österreich laut einer EU-Studie vergleichsweise gut. Das zu riskieren, ist fahrlässig

 

Eines hat der unsägliche, muslimfeindliche EU-Wahlkampf der FPÖ auf alle Fälle gebracht: Dass sich muslimische Österreicher und Migranten unwohler fühlen als davor - weniger zu Hause und somit fremder. Bei jungen Frauen, die Kopftuch tragen, geht die Angst vor tätlichen Angriffen um. Dass es in Wien tatsächlich zu mehreren Zwischenfällen gekommen ist, wie die Islamische Glaubensgemeinschaft und die Antirassismusgruppe Zara berichten, schürt diese Befürchtungen.

Wie wenig wünschenswert das ist, dürfte jedem Menschen sonnenklar sein, dem an einem funktionierenden Zusammenleben gelegen ist – zumal Österreich hier einiges zu verlieren hat. Denn laut der bisher umfassendsten Umfrage unter Muslimen in der EU, der von der EU-Grundrechtsagentur FRA durchgeführten Muslimen-Teilstudie zur Lage von Einwanderern in der Union, fühlen sich die in Österreich befragten türkischen Migranten und ihre Nachkommen im Alltag und von der Polizei weniger diskriminiert als Muslime im EU-weiten Durchschnitt.

Fünf Prozent gaben in Österreich zum Beispiel an, im Jahr vor dem Interview bei der Arbeitssuche benachteiligt worden zu sein; EU-weit waren es 18 Prozent. Nur ein Prozent erinnerte sich an Diskriminierungserfahrungen in Kaffees, Restaurants oder Clubs; EU-weit waren es zehn Prozent. Dass auch in Österreich ein großer Teil der Diskriminierungserfahrungen weder der Gleichbehandlungsanwaltschaft noch - in schlimmeren Fällen - der Polizei gemeldet wurde (auch das ist ein Ergebnis der Studie), trübt das vergleichsweise positive Bild. Dennoch: dieses relativ gute Zusammenleben zu riskieren, ist fahrlässig.

Und noch etwas: Die FRA-Studie hat auch zu Tage gefördert, dass muslimische Frauen in Österreich in beträchtlichem Ausmaß Kopftuchträgerinnen sind: 64 Prozent der befragten Türkinnen gaben an, ihre Haare zu verbergen – in Deutschland waren es nur 27 Prozent. Wem dieser hohe Prozentsatz nicht mit reinem Entzücken erfüllt, weil sie oder er im Kopftuchtragen auch Frauendiskriminierendes erkennt, sollte sich überlegen, ob ein weiterer Rückzug der österreichischen Musliminnen ins Private, sprich Traditionelle, wirklich wünschenswert ist.

Irene.Brickner@derStandard.at

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