Asylrichter ignorieren Gefahr genitaler Verstümmelung

20. November 2008, 15:41
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Erst Verfassungsgerichtshof gab junger Kenianerin Recht, jetzt gilt FGM-Gefährdung in Österreich auch höchstgerichtlich als Asylgrund

 

Manche Nachricht ist sowohl gut als auch schlecht. Etwa jene von einer 21-jährigen Kenianerin, die 2007 in Österreich um Asyl ersuchte, weil sie daheim von ihrem Vater zwangsverheiratet und in Vorbereitung dessen durch FGM an ihren Geschlechtorganen beschnitten werden sollte, wie die systematische genitale Verstümmelung und Zerstörung der Lustfähigkeit von Frauen heißt.

Die schlechte Nachricht: Weder die erste noch die zweite Asylinstanz glaubten ihr, obwohl die in Teilen Afrikas und Asiens traditionelle (doch darum nicht minder brutale) Beschneidung weiblicher Geschlechtsorgane EU-weit als Übergriff und als Asylgrund gilt. Die Beschneidung von Mädchen und Frauen sei in Kenia seit 2001 ja verboten worden und eine Reihe von NGOs engagierten sich dagegen, also bestehe keine Gefahr: So lautete die ebenso oberflächliche wie törichte Begründung.
Und so wäre die junge Kenianerin Vater und Beschneiderinnen wohl wieder ausgeliefert worden, hätte sich ihr Anwalt nicht an den Verfassungsgerichtshof gewandt. Der ihr - und das ist die gute Nachricht - Recht gab, weil die Asylablehnung keine Erklärung liefere, warum "gerade die Beschwerdeführerin anders als der Großteil der betroffenen kenianischen Frauen nicht der in den Länderberichten zitierten Benachteiligung und Unterdrückung ausgesetzt gewesen sein soll".

Somit ist auch höchstgerichtlich klargestellt, dass FGM in Österreich als Asylgrund gilt. Angesichts der schleißigen Arbeit mancher Asylrichter in erster und zweiter Instanz tun betroffene Frauen gut daran, diesen Umstand im Auge zu behalten.

Irene.Brickner@derStandard.at

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