Gastbeitrag

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

28. Oktober 2009, 17:00
  • Artikelbild
    foto: weinwurm

    Qualitätsmedien sind in einem Social Web unverzichtbar, sagt Andreas Blumauer. Massenmedien "könnten durch den Einsatz von Text-Mining und semantischen Technologien sukzessive von Maschinen ersetzt werden." 

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at

    "Der kleine David" am PC: Szene aus dem Film WarGames.

Soziale Netzwerke funktionieren wie ein Immunsystem, das sich um eine Person herum aufbaut - Von Andreas Blumauer

Digital gegen analog - das nenn' ich Brutalität: Ich knüpfte im Jahr 1987 meine erste digitale Beziehung, ich tauschte via Akustikkoppler mit einem Schulfreund Hausübungen aus. Sehr praktisch! Schon damals spürten wir, es kommt etwas Großes auf uns zu. Die Kehrseite der Medaille wurde uns damals schon im Kult-Streifen WarGames vor Augen geführt, als das Verhältnis zwischen Spiel, Simulation und brutaler Realität in ein neues Licht gerückt wurde. Mehr als 20 Jahre später: Die Annehmlichkeiten der Digitalisierung sind größer geworden, negative Begleiterscheinungen häufiger und die damit verbundenen Therapien vielfältiger. Die größten Widersacher einer "Digitalisierung" unserer Welt waren zunächst die Musikliebhaber: Musik von CDs klingt eckig und berechnet, abgenommen von LPs (Für die jüngeren Leser: das sind Langspielplatten) hingegen dringt sie rund und weich in unsere Sinne ein. Gilt dasselbe am Ende für digitale Beziehungen? Was hält eigentlich länger: Eine Partnerschaft, angebahnt über das Internet oder eine "analog" initiierte?

"Qualität" gegen "Masse"

Was aktuell zwischen "alten" Medien, vertreten zum Beispiel durch den "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher und den "neuen" Medien (Bloggern wie Helge Fahrnberger) verhandelt wird, erinnert an diese Debatte. Die eine Seite sieht die Informationsqualität bedroht, während sich die andere Seite über die neuen Möglichkeiten der Informationsverteilung und die damit verbundene Partizipationsarchitektur freut. Ich halte diese konkrete Debatte für vielversprechend, weil ich diesen scheinbaren Widerspruch für lösbar halte: Nicht "alt" gegen "neu" heißt das Duell, sondern "Qualität" gegen "Masse". Gerade Qualitätsmedien sind im Gegensatz zu so genannten Massenmedien in einem Social Web unverzichtbar. Letzere könnten durch den Einsatz von Text-Mining und semantischen Technologien sukzessive von Maschinen ersetzt werden.

Digitale Netzwerke als Immunsystem

Somit kann eine andere, wichtigere Frage in diesem Diskurs in den Mittelpunkt rücken: Welche Freiheiten gewinnen oder verlieren wir durch die Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen? Hier kommt schließlich eine neue Dimension ins Spiel: Beziehungen behüten und beschützen diejenigen, die sie pflegen und über sie reflektieren, vor jenen Informationen, die in diesen Beziehungen keinen Sinn ergeben. Jeder von uns ist nicht nur über sieben oder acht Ecken mit den größten Verbrechern dieser Welt verbunden, sondern über noch weniger Knoten mit allerlei Unfug und Wahnsinn, der sich über digitale Medien rasend schnell verbreiten lässt. Beziehungsnetzwerke allgemein und damit auch digitale Netzwerke funktionieren wie ein Immunsystem, das sich um eine Person herum aufbaut. Ich lese keine U-Bahn-Gratis-Zeitungen, weil sie mir und meinen Beziehungen nicht gut tun.

"Digital" heißt nicht "simuliert"

Seppi Huber: "Habe eben meinen blauen Pullover ausgezogen, weil mir heiß ist." Warum fällt es mir so schwer, mich von einer digitalen Beziehung zu trennen? Erfährt das andere Ende eigentlich von solch einer Trennung? "Neues aus meinem Netzwerk: Andreas Blumauer interessiert sich nicht mehr für mich." Wir lernen gerade, dass auch digitale Beziehungen nicht ewig Bestand haben, und ebenso Schaden anrichten können wie ihr analoges Pendant. "Digital" heißt jedenfalls nicht "simuliert", wie dies der kleine David (dargestellt von Matthew Broderick) in WarGames dachte.
Ob nun "Internetbeziehungen" länger dauern als traditionelle, ist wissenschaftlich noch nicht belegt worden, aber es dürften sich noch andere Märkte im Internet auftun: Online-Scheidungen zum Beispiel sind einfach unkomplizierter als ihre "sinnliche" Variante. (Andreas Blumauer/derStandard.at/29. Oktober 2009)

Zur Person
Andreas Blumauer ist Managing Director der Semantic Web Company, semantic-web.at, zukunftsweb.at

Kommentar posten
12 Postings
sigmund f
00
29.10.2009, 11:22

Nur an anderen Fotografen sollt er sich suchen...

konfusius
00
29.10.2009, 09:22
Sogenannte Social Networks

bilden allerdings auch ein "Immunsystem" gegenüber direkter Kommunikation, da die Anzahl der real friends bei den meisten nicht gerade steigen.
Ich brauche eben keine social networks um mich erst mit Hilfe derer von Dingen abzuhalten, die ich ohne derselbigen gar nicht hätte, siehe "Klaus geht grad zur nächsten Ubahn-Station und twittert dieses über sein IPhone"

The Sunshine State
30
29.10.2009, 07:23

"Soziale Netzwerke"? Das ist ja zum Brüllen. Sie meinen wohl "Social Networks" wie Facebook, oder?
Unter "Sozialen Netzwerken" versteht man Dinge wie Krankenversicherung, Pensionsversicherung etc.

sterngucker
 
01
29.10.2009, 08:43
Hab ich noch nie gehört oder gelesen

Was Sie vermutlich meinen, ist das soziale Netz. Diese Bezeichnung kommt aber langsam aus der Mode; man spricht jetzt von "Hängematte", um klarzustellen, daß es sich um etwas Unerwünschtes handelt.

Wenn wir es geschafft haben, die Hängematte abzuschaffen, dann ist der Weg frei, und jeder denkt bei "soziales Netzwerk" nur noch an "Sven hat gerade ein fast gar nicht verschimmeltes Brot im Müll gefunden *freu*" und ähnliche Perlen der Kommunikation.

Erich Hofbauer
00
29.10.2009, 10:47

oder "guten Morgen am (Datum)" in einem Vorgänger von Facebook&co... (Usenet, oesterreich.tratsch)
Im Gegensatz zu Facebook&co kennen sich da aber die meisten persönlich

ABLVienna
 
00
29.10.2009, 10:47
Begriffsdefinition: Soziales Netzwerk

Um genau zu sein, bezieht sich der Begriff "Soziales Netzwerk" im Artikel auf folgendes Konzept: http://de.wikipedia.org/wiki/Sozi... ormatik%29

The Sunshine State
00
29.10.2009, 11:01

nur verwendet niemand, der facebook schon länger als ein paar wochen kennt, den eingedeutschten begriff. das machen nur die vögel, die vor ein paar tagen davon wind bekommen haben und jetzt kluge artikel drüber schreiben

El Rubio
00
29.10.2009, 18:39

Interessant zu lesen, was "man" tut. Tun Sie's wie Sie's für richtig halten. Soziale Netzwerke bleiben trotzdem Soziale Netzwerke. Und haben auch nichts mit dem sozialen Netz zu tun.

The Sunshine State
00
29.10.2009, 18:41

bleiben sie nicht, weil sie es nie waren

sterngucker
 
00
29.10.2009, 11:23
Niemand?

Wissen Sie das, weil, alle, die Facebook schon länger als ein paar Wochen kennen, ihre Freunde sind.

Ich bin selbst sehr kritisch gegenüber IT-Eindeutschungen (kennt jemand noch den Kellerspeicher?), aber "soziales Netzwerk" ist eine getreue und sinnvolle Entsprechung von "social network". Man braucht nicht mit Krampf am englischen Terminus festzuhalten, um seine Coolness zu beweisen ... ups!

The Sunshine State
00
29.10.2009, 11:29

hat nichts mit coolsein zu tun - das ist eine einfache feststellung. bin seit vier jahren auf facebook und "soziales netzwerk" habe ich erst vor ein paar wochen zum ersten mal gehört, ergo verwenden den begriff die facebook-benutzer nicht, sondern eben nur die, die gerade drauf gestoßen sind und mitmachen, weil sie cool sein wollen.

ABLVienna
 
00
29.10.2009, 11:21

das ist wohl genau das, was ich mit immunsystem meine: leute, die andere als "vögel" abstempeln sind sicherlich nicht in meinem sozialen netzwerk.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.