Rundschau: Die Macht des Narrativiums

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coverfotos: wurdack

Karsten Kruschel: "Vilm" ("Der Regenplanet" + "Die Eingeborenen")

Broschiert, 220 bzw. 226 Seiten, jeweils € 13,40, Wurdack 2009.

Blick aus dem Fenster, voilà: Hier ist der Roman zur Saison. Wir betreten einen Planeten, der konstant von Wolken verhüllt ist, aus denen unablässig Wasser zu Boden fällt. Denn "regnen" beschreibt - mangels alternativem Wetter - die hiesige Ökologie, in der Lebewesen an der Grenze von Tier und Pflanze gedeihen, nur unzureichend. Speziell die Kinder der hier gestrandeten menschlichen Siedler werden bald unzählige Nuancen des Dauerniederschlags zu unterscheiden wissen - ebenso wie das ewige Grau des Himmels für sie eine nahezu bunte Vielfalt darstellt. Sehr zur Frustration ihrer Eltern, die sich den Bedingungen bei weitem schwerfälliger anpassen.

Zu Beginn ist es schon passiert: Der Weltenkreuzer "Vilm van der Oosterbrijk" ist auf dem Planeten bruchgelandet, dem er seinen Namen geben wird. Eliza Simms erinnert sich in Rückblicken an die letzte Phase des Flugs, an Pannenserien und offensichtliche Sabotage - nun erwacht sie in einem improvisierten Lazarett, abgeschnitten von der roten Linie, dem Netzwerkanschluss, der ihr als Angehöriger der Elite offenstand. Früher gab sich die letzte überlebende Zentralierin kaum mit der Crew oder gar den Passagieren ab, jetzt aber muss sie ihren Platz in der Not-Kolonie finden, hinter der das Raumschiffwrack als nasses Gebirge aufragt und unter Lebensgefahr nach Brauchbarem durchsucht wird. So richtig dämmert ihr ihr drastisch verringerter Lebensstandard zum ersten Mal, als ihr ausgeblichene Kleidung gegeben wird, die nicht gereinigt, sondern nur mit Wasser und Chemikalien gewaschen wurde: Es sind solche kleinen Beobachtungen, die Karsten Kruschels Roman realistischer wirken lassen als viele andere Versuche, den alten Plot vom gestrandeten Raumschiff neu zu erzählen.

Etwa bis zur Mitte von "Der Regenplanet" bleibt der Fokus auf Simms - die später in die planetare Geschichte als die einarmige Eliza eingehen wird - gerichtet. Danach stellt Kruschel verschiedene Personen in den Vordergrund und die Struktur geht eher in Richtung Episodenroman - bedingt auch dadurch, dass der deutsche Autor einige bereits früher veröffentlichte Kurztexte eingearbeitet hat. Mit der Aufgabe der Geradlinigkeit wird - etwas wider Erwarten - die Erzählung jedoch immer besser, da die melancholische Atmosphäre in den in sich abgeschlossenen Sub-Handlungen noch stärker zur Geltung kommt. Etwa die (vor 20 Jahren geschriebene) Episode, in der der Arzt Mechin an dem Jungen Will einen lebensnotwendigen Luftröhrenschnitt durchführt; doch wird die Lebensrettung trotz guten Willens von beiden eher als psychischer und physischer Vergewaltigungsakt empfunden. Oder die, in der Will mit der Waffe in der Hand in die Wildnis zieht und dabei etwas Wichtiges über die Organismen seiner neuen Heimatwelt lernt. Oder besonders berührend die Episode von Anna Calandra: einer Frau, die mit dem planetaren Klima besonders schlecht zurecht kommt. Ihr Körper überwuchert von Pilzen und Flechten, wird für Anna ein armseliges Solarium, das man mühsam aus Einzelteilen zusammenzubasteln versucht, zur letzten Überlebenshoffnung.

Aus den Schnittflächen der einzelnen Geschichten setzt sich "Vilm" gleichsam als Chronik einer Besiedelung zusammen - den roten Faden bildet dabei die zunehmende Veränderung der KolonistInnen, angefangen bei den Kindern. Weder vermissen sie die Sonne noch macht sie der Planet krank, im Gegenteil: Sie entdecken essbare und psychotrope Substanzen produzierende Pflanzen und gehen eine Symbiose mit einheimischen Intelligenzwesen  - den Eingesichtern - ein. Eine neue duale Spezies entwickelt sich - nicht mehr wirklich menschlich zu nennen. Zunächst führt dies zu wachsender Entfremdung zwischen Eltern- und Nachkommengeneration. Doch als im zweiten Roman eine Rettungsmission landet, die von allen eher wie ein einfallender Heuschreckenschwarm wahrgenommen wird, stellen auch die Älteren fest, dass sie nicht mehr dieselben sind. Kruschel wirft bei dieser Gelegenheit Schlaglichter auf eine in der Diaspora lebende Menschheit, die sich in fremdartige Gesellschaften wie die Goldene Bruderschaft oder das religiöse Kollektiv das Papst aufgespalten hat; die Erde reagiert seit Jahrhunderten nicht mehr auf die Rufe ihrer "Brut" und wird von einem unnahbaren Alien-Raumschiff umkreist. Vieles bleibt hier offen, lässt in beinahe märchenhafter Weise Raum für Fantasie ... und, hoffentlich, für weitere Geschichten aus Kruschels eigentümlicher Zukunftshistorie.

Als jemand, der kaum nachvollziehen kann, wie man an einem Buch wochenlang herumzulesen vermag (da kommt man doch nie richtig in die Geschichte rein!), spreche ich hier ausnahmsweise mal eine gegenteilige Empfehlung aus: "Vilm" liest man ähnlich wie eine Anthologie oder Kurzgeschichtensammlung eigentlich besser portionenweise, um so die Schicksale der jeweiligen Kurzzeit-Hauptpersonen stärker auf einen wirken zu lassen. Denn das tun sie.

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