Rundschau: Die Macht des Narrativiums

Josefson
21. November 2009, 13:18
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coverfotos: wurdack

Karsten Kruschel: "Vilm" ("Der Regenplanet" + "Die Eingeborenen")

Broschiert, 220 bzw. 226 Seiten, jeweils € 13,40, Wurdack 2009.

Blick aus dem Fenster, voilà: Hier ist der Roman zur Saison. Wir betreten einen Planeten, der konstant von Wolken verhüllt ist, aus denen unablässig Wasser zu Boden fällt. Denn "regnen" beschreibt - mangels alternativem Wetter - die hiesige Ökologie, in der Lebewesen an der Grenze von Tier und Pflanze gedeihen, nur unzureichend. Speziell die Kinder der hier gestrandeten menschlichen Siedler werden bald unzählige Nuancen des Dauerniederschlags zu unterscheiden wissen - ebenso wie das ewige Grau des Himmels für sie eine nahezu bunte Vielfalt darstellt. Sehr zur Frustration ihrer Eltern, die sich den Bedingungen bei weitem schwerfälliger anpassen.

Zu Beginn ist es schon passiert: Der Weltenkreuzer "Vilm van der Oosterbrijk" ist auf dem Planeten bruchgelandet, dem er seinen Namen geben wird. Eliza Simms erinnert sich in Rückblicken an die letzte Phase des Flugs, an Pannenserien und offensichtliche Sabotage - nun erwacht sie in einem improvisierten Lazarett, abgeschnitten von der roten Linie, dem Netzwerkanschluss, der ihr als Angehöriger der Elite offenstand. Früher gab sich die letzte überlebende Zentralierin kaum mit der Crew oder gar den Passagieren ab, jetzt aber muss sie ihren Platz in der Not-Kolonie finden, hinter der das Raumschiffwrack als nasses Gebirge aufragt und unter Lebensgefahr nach Brauchbarem durchsucht wird. So richtig dämmert ihr ihr drastisch verringerter Lebensstandard zum ersten Mal, als ihr ausgeblichene Kleidung gegeben wird, die nicht gereinigt, sondern nur mit Wasser und Chemikalien gewaschen wurde: Es sind solche kleinen Beobachtungen, die Karsten Kruschels Roman realistischer wirken lassen als viele andere Versuche, den alten Plot vom gestrandeten Raumschiff neu zu erzählen.

Etwa bis zur Mitte von "Der Regenplanet" bleibt der Fokus auf Simms - die später in die planetare Geschichte als die einarmige Eliza eingehen wird - gerichtet. Danach stellt Kruschel verschiedene Personen in den Vordergrund und die Struktur geht eher in Richtung Episodenroman - bedingt auch dadurch, dass der deutsche Autor einige bereits früher veröffentlichte Kurztexte eingearbeitet hat. Mit der Aufgabe der Geradlinigkeit wird - etwas wider Erwarten - die Erzählung jedoch immer besser, da die melancholische Atmosphäre in den in sich abgeschlossenen Sub-Handlungen noch stärker zur Geltung kommt. Etwa die (vor 20 Jahren geschriebene) Episode, in der der Arzt Mechin an dem Jungen Will einen lebensnotwendigen Luftröhrenschnitt durchführt; doch wird die Lebensrettung trotz guten Willens von beiden eher als psychischer und physischer Vergewaltigungsakt empfunden. Oder die, in der Will mit der Waffe in der Hand in die Wildnis zieht und dabei etwas Wichtiges über die Organismen seiner neuen Heimatwelt lernt. Oder besonders berührend die Episode von Anna Calandra: einer Frau, die mit dem planetaren Klima besonders schlecht zurecht kommt. Ihr Körper überwuchert von Pilzen und Flechten, wird für Anna ein armseliges Solarium, das man mühsam aus Einzelteilen zusammenzubasteln versucht, zur letzten Überlebenshoffnung.

Aus den Schnittflächen der einzelnen Geschichten setzt sich "Vilm" gleichsam als Chronik einer Besiedelung zusammen - den roten Faden bildet dabei die zunehmende Veränderung der KolonistInnen, angefangen bei den Kindern. Weder vermissen sie die Sonne noch macht sie der Planet krank, im Gegenteil: Sie entdecken essbare und psychotrope Substanzen produzierende Pflanzen und gehen eine Symbiose mit einheimischen Intelligenzwesen  - den Eingesichtern - ein. Eine neue duale Spezies entwickelt sich - nicht mehr wirklich menschlich zu nennen. Zunächst führt dies zu wachsender Entfremdung zwischen Eltern- und Nachkommengeneration. Doch als im zweiten Roman eine Rettungsmission landet, die von allen eher wie ein einfallender Heuschreckenschwarm wahrgenommen wird, stellen auch die Älteren fest, dass sie nicht mehr dieselben sind. Kruschel wirft bei dieser Gelegenheit Schlaglichter auf eine in der Diaspora lebende Menschheit, die sich in fremdartige Gesellschaften wie die Goldene Bruderschaft oder das religiöse Kollektiv das Papst aufgespalten hat; die Erde reagiert seit Jahrhunderten nicht mehr auf die Rufe ihrer "Brut" und wird von einem unnahbaren Alien-Raumschiff umkreist. Vieles bleibt hier offen, lässt in beinahe märchenhafter Weise Raum für Fantasie ... und, hoffentlich, für weitere Geschichten aus Kruschels eigentümlicher Zukunftshistorie.

Als jemand, der kaum nachvollziehen kann, wie man an einem Buch wochenlang herumzulesen vermag (da kommt man doch nie richtig in die Geschichte rein!), spreche ich hier ausnahmsweise mal eine gegenteilige Empfehlung aus: "Vilm" liest man ähnlich wie eine Anthologie oder Kurzgeschichtensammlung eigentlich besser portionenweise, um so die Schicksale der jeweiligen Kurzzeit-Hauptpersonen stärker auf einen wirken zu lassen. Denn das tun sie.

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24 Postings
Bei den vielen Empfehlungen, liebe Poster, ist da auch jemand dabei so Richtung Stanislaw Lem?

Falls den alten Herren noch wer kennt! So philosophisch, satirisch und trotzdem physikalisch ergiebig? So gscheit und lustig zugleich? Und trotzdem SF?

Lem ist eine Klasse für sich.
Hab eigentlich nie was gelesen, dass ich mit ihm vergleichen könnte.
Am ehesten noch die Brüder Arkadi und Boris Strugazki.
Liegt vielleicht aber am Ost-flair, dass ich da ab und an an Lem denken muss. Sind aber auch brilliant auf ihre Art und Weise.

Aber gibt genug gutes ohne dass es wie Lem ist ;)
Und letztendlich ist das tolle bei Lem: Sehnt man sich nach ihm, einfach wieder ein Buch von ihm zur Hand nehmen. Wenn man fast alle zuhause hat, gibts immer eins, dass man schon seit Jahren nicht mehr gelsen hat ;)

Philosophisch, satirisch ...

... jedoch F statt SF schreibt Andrzej Sapkowski, ebenfalls ein Pole.

Hexer-Saga oder Narrenturm-Trilogie, beides hervorragend, das eine mehr Fantasy, das andere historischer.

Lem...

... glaube nicht, das man den genialen alten Herren so schnell vergessen wird! Bei ähnlich wird's ein bissl eng, aber ich würde Philip K. Dick nennen, wenn bei ihm auch das physikalische zu kurz kommt.

Sonst ein genialer Mix aus Sicence, Humor und tiefergründiger als üblich z.B. Charles Stross - Kinder des Saturn (eine ausführlichere Beschreibung z.B. hier: http://www.kultplatz.net/node/631)

Terry Pratchett ist zwar Fantasy, aber zumindest in Englisch ziemlich clever, ich finde seine teilweise haarsträubenden Ideen wirklich witzig.

Richard Morgan - Skorpion: ist zwar ebenfalls radikal anders als Lem, aber erfüllt auf seine Art durchaus die von Ihnen genannten Kriterien...

"Winterwende" ist eine nette, runde Sache. Alles, was gute Blut-und-Beuschl-Fantasy braucht, ist da, allerdings ohne niveaulos, peinlich oder lächerlich zu werden, und an manchen Stellen ist die Geschichte sogar romantisch. Die Version der "Elfen" ist die beste seit langem, die "Guten" sind gut gezeichnet und haben Tiefe, und die "Bösen" sind glaubwürdig mit Gänsehautqualitäten (meistens zumindest). Im zweiten Band zaht es sich ein bißchen, aber der dritte geht wieder sehr geschmeidig runter.
Alles in Allem kommt es nicht an "A Song of Ice and Fire" im gleichen Genre ran, hilft aber, die Zeit bis zum nächsten Band in netter Weise zu verkürzen.
Empfehlung: Wenn möglich in OV lesen.

@ Die Saat

Eldritch Palmer - Palmer Eldritch ist doch auch ein bekannter Name...

ich bräuchte eine empfehlung...

... für harte SF. so a la alastair reynolds oder noch besser richard morgen.

uneingeschränkt empfehlenswert für mich auch:

http://de.wikipedia.org/wiki/John_Scalzi

Beginnend mit "Krieg der Klone"....

Dann empfehle ich mal meine Biografie

geschrieben von Charles Stross (wurde ja bereits mehrfach erwähnt): "Die Kinder des Saturn"

Das beste was ich seit langem gelesen habe....

Empfehlunge...

... hier gibt es immer wieder recht interessante Buchbesprechungen für SF, Fantasy und Horror: www.kultplatz.net

Sonst würde ich in Richtung Alastair Reynolds & Co. auch noch uneingeschränkt Peter Watts und John Scalzi vorschlagen :-)

Meine Lieblinge sind der erst vor kurzem gelesene

Alastair Reynolds "Das Haus der Sonnen"; wirklich ein sehr gutes Buch.

gänzlich alles von Peter F. Hamilton;

Iain Banks " Der Algebrainst";

H.D. Klein " Googol" + "Googolplex";

Isaac Asimov " Foundation Zyklus" (alle 10 Bände);

Buzz Aldrin + J.Barnes "Begegnung mit Tiber";

Ken Grimwood "Replay - Das zweite Spiel" (Präd. wertvoll);

Joe Haldeman "Der ewige Krieg", tolles Buch;

Orson Scott Card "Das große Spiel";

Um nur einige zu nennen.






Wir wärs mit Iain Banks? "Excession", "Bedenke Phlebas", und die anderen Romane aus dem "Kultur" Zyklus?
Oder mit "Illium" und "Olympos" von Dan Simmonis
Was auch noch ganz nett ist, ist der "Sage der sieben Sonnen" Zyklus von Kevin J. Anderson.
Peter F. Hamilton mit seinen "Armageddon" Romanen muss ich noch erwähnen ?

Larry Nivens Ringwelt Romane zB.
vor allem der Erste ("Ringwelt"), der ist noch dazu wirklich gut.

Den ersten finde ich noch gut, die anderen Teile der Ringwelt-Romane sind aber eher schwach. Niven schafft es mE einfach nicht, längere Geschichten spannend zu erzählen.

Ich les jetzt schon seit 25 Jahren SF aber was an den Werken der 2 Autoren hart sein soll versteh ich nicht ... :)

Ich glaub, "Hard" Sci-Fi beschreibt Geschichten, die sehr nahe an der wissenschaftlichen Realität sind als zum Beispiel Star Trek oder Star Wars. Ich lehn mich mal aus dem Fenster und sag, dass 2001 in die Kategorie "Hard" Sci-Fi

Hart, Härter, Hardcore

Auch harte SciFi kann extrem fantastisch sein, z.B. "Manifold: Times" bewegt sich am Rande aller Vorstellungskraft und begibt sich an Orte deren Begrifflichkeit depremierte Begeisterung hervorrufen, bleibt aber immer hart an der Wissenschaft.

Das Buch ist übrigens Gratis weil Teil 1 einer fünfteiligen Reihe: http://en.wikipedia.org/wiki/Manifold:_Time

Nicht so ganz. Star Trek und Star Wars gelten gemeinhin als Space Operas. Als Hard SF wird gemeinhin SF bezeichnet, die sich sehr weit von unseren Alltag entfernt. Charls Strss wäre da teilweise ein Beispiel dafür (Singularität, Glasshaus), oder meintwegen auch Stephan Baxter (Zeit, Raum)

Eine Unterscheidung

die ich schon immer für Blödsinn gehalten habe. Aber anscheinend sehen einige Autoren/Leser das Bedürfnis sich abheben zu müssen - als wäre "Hard" SF dem Literaturprofessor dem man auf der Uni beeindrucken möchte weniger suspekt als eine "Space Opera".

Naja, da reisst Richard Morgen für mich aber zuviele Lücken in die Logik. Das sind für mich eher mehr oder weniger interessante Grundgedanken, die nicht genau auf aktuellem wissenschaftlichen Stand durchgedacht wurden.
Ich hab mich deshalb schon gefragt ob der feuerrote frederik dachte das ist harte SF, weil die Protagonisten so harte Kerle sind ;)

Neal Asher...

...zynisch, viel Action, sehr gewalttätig, Space Opera.

Schon die Gateway-Trilogie

von Frederik Pohl gelesen? Großartige Bücher.

Ein weiterer Klassiker wäre Zeitschaft von Gregory Benford.

Wenn Ihnen Richard Morgan zusagt, sind wahrscheinlich auch die Werke von Charles Stross etwas für Sie (Supernova, Singularität).



Super, ...

... Roter Zwerg und Das Auge des Teufels hatte ich in der Buchhandlung schon in der Hand, jetzt kann ich sie beruhigt kaufen!

also gerade bei red dwarf sollte man - so man des englischen mächtig ist - lieber zum original greifen. ich hab seit einem london-besuch vor 10 jahren den red dwarf omnibus zuhause und die beispielsätze lassen mich ein wenig zögern bei der deutschen version zuzugreifen.

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