"Unser psychologisches Wesen ist die Neutralität"

19. Oktober 2009, 18:57
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Die Ukraine fünf Jahre nach der Orangen Revolution: politisch und wirtschaftlich krisengeschüttelt, aber gesellschaftlich erstaunlich robust

Die Ukraine fünf Jahre nach der Orangen Revolution: politisch und wirtschaftlich krisengeschüttelt, aber gesellschaftlich erstaunlich robust. Mit dem Schriftsteller Andrej Kurkow sprach Tatjana Montik.

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STANDARD: Nach der Orangen Revolution Ende 2004 machte die Ukraine einen großen Schritt in Richtung Westen. Jetzt scheinen die ukrainischen Politiker wieder intensiv nach Moskau zu schauen. Es werden sogar Beliebtheitswerte prorussischer Politiker veröffentlicht.

Kurkow: Das mit den Beliebtheitswerten ist alles nur Schauspiel, Rhetorik. In der Tat ist bereits ein großer Unterschied zwischen der Ukraine und Russland zu spüren. Hier in der Ukraine wird die Regierung gleichsam missachtet, die Freiheit wird geliebt, und überall ist die Einsicht vorhanden, dass die Ukraine bei jeder Anarchie überleben wird. Russland hingegen schafft sich selbst einen Zaren, fällt vor ihm auf die Knie und setzt all seine Hoffnungen in den Staat. Es ist normal, wenn ein gewisser, merkbar schwindender Teil der Bevölkerung prorussische Politiker wählt. Doch andererseits haben wir immer mehr Menschen, die nach 1985 geboren wurden. Und die haben überhaupt keine postsowjetische Mentalität mehr.

STANDARD: Hat die Orange Revolution trotz all der politischen Pleiten der letzten Jahre den Ukrainern irgendwie genutzt?

Kurkow: Die Orange Revolution hat das Verhältnis der Menschen zur Politik verändert. Zum einen hat sie gezeigt, dass jeder auf die Politik Einfluss nehmen kann. Andererseits haben die Menschen verstanden, dass sie von den Politikern in vieler Hinsicht manipuliert werden können. Doch insgesamt sind die Menschen freier geworden - innerlich und äußerlich. Äußerlich zeigt sich das etwa daran, dass man sich in der Ukraine mit der Straßenpolizei auseinandersetzen kann und das Protokoll zum Beispiel nicht unterzeichnen muss. In Russland sollte man so etwas nicht riskieren!

STANDARD: Als Sie "Die letzte Liebe des Präsidenten" schrieben, mussten Sie sich in die Rolle einleben. Hat es Ihnen in der Haut des Präsidenten gefallen?

Kurkow: Nein, keineswegs. Denn je mehr man sich in diese Rolle einlebt, desto weniger Aufrichtigkeit und Wahrheit behält man bei, und desto einsamer wird man.

STANDARD: Sie haben diesen Roman in der ersten Person geschrieben, im Namen eines Mannes, der zufällig Präsident geworden ist. Haben Sie dabei den amtierenden Präsidenten Wiktor Juschtschenko gemeint?

Kurkow: Nein, mein Buch wurde ein Jahr vor Juschtschenkos Präsidentschaftskandidatur und ein halbes Jahr vor der Orangen Revolution geschrieben. Aber Juschtschenko hat das Schicksal meines Präsidenten wiederholt, obwohl mein Präsident mehr ein Macho gewesen ist. Mein Präsident wollte sogar ein wenig Spaß am Leben haben. Unser Herr Juschtschenko versucht das nicht einmal. Juschtschenko tut mir leid, aber unser Land tut mir noch mehr leid. Doch andererseits ist die Wirtschaftslage trotz der Unberechenbarkeit unserer Regierung erstaunlich stabil geblieben.

STANDARD: Haben die ukrainischen Politiker ihre Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Russland noch nicht abgelegt?

Kurkow: Doch, das haben sie. Das sieht man am Beispiel von Wiktor Janukowitsch, als dieser im letzten Präsidentschaftswahlkampf von Moskau unterstützt wurde. Und was geschah dann? Die russischen Unternehmen hatten Ansprüche auf einige große Werke im Osten des Landes, wo sich alles in der Hand unseres Oligarchen Rinat Achmetow (gilt als eigentlicher Chef von Janukowitschs "Partei der Regionen", Anm.) befindet. Der ist ja nicht dumm und sieht, dass die größte Gefahr für sein Geschäft von Russland ausgeht. Janukowitschs Liebäugeln mit Russland ist rein politischer Natur. Er wollte noch niemals hier in der Ukraine die Interessen Russlands verteidigen. Und wenn er Präsident werden sollte, wird er nicht die russischen Interessen durchsetzen.

STANDARD: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Russlands Führungsduo, Premier Wladimir Putin und Präsident Dmitri Medwedew, und der ukrainischen Regierungschefin und Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko?

Kurkow: Ich sehe hier große Probleme sowohl für Putin als auch für Medwedew. Denn Timoschenko hat großes Schauspiel- und Rhetoriktalent. Und sie ist eine geniale Populistin und beherrscht die Technik der Massenhypnose. Sollte sie einmal für etwa drei Monate eine prorussische Haltung einnehmen und im Kreml ein und aus gehen und ähnlich wie Putin zwei Stunden Zeit im Fernsehen bekommen, so könnte ich mir leicht vorstellen (lacht), dass sie russische Präsidentin wird, freilich nachdem sie ihren Pass gewechselt hat. Der Kreml benimmt sich gegenüber Timoschenko sehr vorsichtig. Denn man sieht ein, dass diese Frau lange in der Politik bleiben wird - im Gegensatz zu Janukowitsch.

STANDARD: Vor kurzem haben ukrainische Intellektuelle an die Weltöffentlichkeit appelliert, die Ukraine vor Russland zu schützen. Ist das tatsächlich eine reale Gefahr?

Kurkow: Ich räume ein, dass es zwischen den beiden Staaten lokale Konflikte bis zur Gewaltanwendung geben kann. Es wird in Russland immer radikale Politiker geben, die etwa damit drohen, uns die Krim wegzunehmen. Je mehr man in Russland erzählt, die Ukraine sei ein chaotisches Land und ein Feind Russlands, und je öfter bei uns wiederholt wird, dass Russland die Krim überfallen und sie uns wegnehmen wird, desto mehr werden die Menschen das glauben. Dann ist man auf solche Szenarien vorbereitet und beginnt, ihnen unbewusst zuzuspielen. Solange sich die Prinzipien der Außenpolitik zwischen unseren Staaten nicht ändern, existiert diese Gefahr.

STANDARD: Kann die Ukraine in dieser Perspektive ein wahrhaft unabhängiger Staat werden?

Kurkow: Es gibt den Mythos von einem schlauen und listigen Hochol (Spitzname des Ukrainers in Russland, Anm.). Käme ein solcher Hochol an die Macht, würde er die Ukraine unabhängig und flexibel machen und an kaum etwas außer wirtschaftlichen Vereinbarungen beteiligen. Das Wichtigste für uns wäre es, Einheit innerhalb des eigenen Staates zu erlangen. Denn unser psychologisches Wesen ist die Neutralität. All das Liebäugeln mit dem Westen und mit Russland kommt daher, dass wir von allen Seiten etwas bekommen wollen - Garantien, Unterstützungen, Geld, Kredite. Wir wollen, dass man uns von außen ein gutes Leben garantiert, während wir in Jalta schön auf dem Strand liegen und unsere gewohnte mediterrane Lebensweise weiterführen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2009)

Zur Person

Andrej Kurkow (48), geboren bei St. Petersburg und aufgewachsen in Kiew, ist einer der erfolgreichsten ukrainischen Schriftsteller russischer Sprache. Er hat mehr als ein Dutzend Romane, mehrere Kinderbücher und rund 20 Filmdrehbücher geschrieben. Auf Deutsch ist soeben "Der Milchmann in der Nacht" (Diogenes) erschienen. "Die letzte Liebe des Präsidenten" wird demnächst verfilmt.

  • "All das Liebäugeln mit dem Westen und mit Russland kommt daher, dass
wir von allen Seiten etwas bekommen wollen": Andrej Kurkow vor der
Sophienkathedrale im Zentrum von Kiew. Foto: Montik
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In der Ukraine wird die Freiheit geliebt. Russland hingegen schafft
sich selbst einen Zaren und fällt vor ihm auf die Knie.
    foto: tatjana montik

    "All das Liebäugeln mit dem Westen und mit Russland kommt daher, dass wir von allen Seiten etwas bekommen wollen": Andrej Kurkow vor der Sophienkathedrale im Zentrum von Kiew. Foto: Montik " In der Ukraine wird die Freiheit geliebt. Russland hingegen schafft sich selbst einen Zaren und fällt vor ihm auf die Knie.

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