Postrevolutionäre Freuden

19. Oktober 2009, 18:04
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Die legendäre Grunge-Band Mudhoney aus Seattle im US-Bundesstaat Washington gastierte am Sonntag in Wien

Dabei zeigte sich, dass Veränderungsresistenz sehr wohl positive Seiten haben kann.

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Wien - "Everybody wants a good time" , brüllt Mark Arm mit stierem Blick im Song Oblivion ins Mikro. Gefolgt von einem Schneidbrenner-Gitarrenriff und einem Satz heiße Ohren vom Schlagzeuger. Man merkt schon: Der Weg zur guten Zeit, der ist weit, steinig sowieso, und wie oft man sich dabei demütigen lassen muss - gar nicht schön.

Eine gute Zeit kann man mit der Band Mudhoney dennoch haben. Wobei die Grunge-(Mit-)Erfinder aus Seattle, die noch vor der später von Nirvana ausgelösten Weltrevolution einschlägige Wellen geschlagen haben, vor allem Chronisten schlechter Zeiten und schwieriger Umstände sind. Diese eignen sich bestens für das Modell der Abgrenzung. Genau das betreiben Mudhoney um den Sänger und Gitarristen Mark Arm bis heute in erstaunlicher Schärfe. Und die schlechte Laune, die zum Distanzhalten gepflegt wird, die hält jung und frisch, wie das Quartett am Sonntag in der Wiener Arena eindrucksvoll demonstriert hat.

Als Mudhoney Ende der 1980er begonnen haben, ihre Neigung für Sixties-Punk, Hardrock und Hardcore in explosive, pessimistische Zwei- bis Dreiminüter zu entladen, war diese Tätigkeit noch weit davon entfernt, so etwas wie ein Karriereweg zu sein. Ein Band zu betreiben galt in den USA unter Ronald Reagan eher als Frustventil - gerade für aus der unteren Mittelschicht kommende Tunichtgute, die live dabei waren, wie sich die Träume ihrer Eltern vom Eigenheim und einer gesicherten Existenz in Richtung neue Armut und Trailerpark verabschiedeten.

An ein Partizipieren an einem derartigen Gesellschaftmodell war schon aus psychischer Hygiene nicht zu denken und eine Band noch die gesündere Form der Kompensation, als umweglos in die Droge zu fliehen. Bands wie Mudhoney prägten damals das Bild eines aufregenden Undergrounds: In verwahrloster Alltagskleidung, einem exzessiven Leben im Jetzt, mit harter, geiler Musik.

Erfolg? Absurd!

Ihr bis heute berühmtester Song Touch Me I'm Sick war nicht nur das Manifest dieser Paria, es war der Versuch, das eigene Elend wenigstens für die Dauer eines Songs umzudeuten. Ein möglicher Erfolg war da nicht mitgedacht, schien absurd. Ein Umstand, den Kurt Cobain mit Nirvana schließlich änderte und der ihn in sein bekanntes Schicksal trieb.

Mudhoney sind heute die sympathischen Überlebenden jener Zeit. Während Wegbegleiter wie Tad, Pearl Jam, Soundgarden oder Skin Yard längst verschwunden oder in die Fadesse des Stadionrock abgeglitten sind, hauen Mudhoney immer noch drauf wie am ersten Tag. Es hat natürlich heute etwas Postrevolutionäres, sich eine zumindest in ihrer historischen Bedeutung abgesicherte Band anzuschauen, aber diese könnte es als solche auch billiger geben.

Tut sie aber nicht.

Mudhoney tobten, beginnend mit dem natürlich zynischen The Money Will Roll In sowie neuen Songs wie I'm Now, The Lucky Ones oder Next Time in ein Set, das quer durch die acht Alben der Band führte. Nach einer kurzen Aufwärmrunde, die Arm nur singend am Mikro verbrachte, schnallte er sich die Gitarre um und fettete den Sound damit beträchtlich auf. Zu den am heftigsten empfangenen Stücken gehörten jene des 1988er-Debüts Superfuzz Bigmuff, dessen Coverfotografie von Charles Peterson längst Ikonenstatus genießt: Sweet Young Thing Ain't Sweet No More und erwähntes Touch Me I'm Sick. Da wurde von der Bühne geköpfelt und auf der Menge gesurft.

Auf eitlen Schnickschnack wie Soli wird hier natürlich verzichtet, Faustwatschen kommen ohne Blumenbouquet daher. Eine gute Stunde lang wurde die Klasse von 1988 abgefeiert und bejubelt, ohne dass es peinlich gewesen wäre. Zur Belohnung gab es das immer aktuelle Hate The Police - und mit Fix Me von den Hardcore-Helden Black Flag wurde ein Abend beendet, der mit einem tollen Auftritt der steirischen Band Killed By 9V Batteries schon sehr lässig begonnen hatte. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2009)

  • Mark Arm und die Band Mudhoney bei der Arbeit: "I'm Now!"  Manifeste des Hier und Jetzt in immer gültiger Laune.
    foto: fischer

    Mark Arm und die Band Mudhoney bei der Arbeit: "I'm Now!" Manifeste des Hier und Jetzt in immer gültiger Laune.

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