DER STANDARD-Interview

"Dass die Welle kommt, hätte man wissen können"

19. Oktober 2009, 18:03
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    foto: apa

    "Der Muse reicht's", drum ballt sie als Schattenfigur, umzingelt von Steinbüsten wichtiger Herren der Wissenschaftsgeschichte, die Faust mitten im Arkadenhof der Uni Wien. Das Werk der Künstlerin Iris Andraschek ist das Siegerprojekt eines von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und der Uni Wien ausgeschriebenen Wettbewerbs und wurde von der Jury als "Synonym für die Wissenschaftlerinnen im Schatten ihrer Institutionen" gelobt.

    Die Künstlerin will mit der Arbeit die Nymphe des Kastaliabrunnens "böse und real machen" und in eine Figur verwandeln, "die aktiv wird und sich wehrt".

Georg Winckler, Rektor der Universität Wien, über den Studierendenansturm und deutsche "Sündenböcke"

Standard: 20 Prozent mehr Studierende, 15 Prozent mehr Anfänger als im Vorjahr - so viele junge Menschen wie nie zieht es an die Unis; und Politiker wie Rektoren jammern. Ist das nicht grotesk?

Winckler: Na ja, man hätte auch schon vor einigen Jahren sehen können, dass sich diese Zahl auf 300.000 und jenseits bewegen wird. Als ich das vor fünf Jahren prognostiziert habe, wurde ich sofort attackiert, die Zahlen würden außerhalb jeglicher Begründung liegen. Das Problem ist: Österreich hat sich nie mit der Frage beschäftigt, welche Kapazitäten man bezüglich Lehre und Forschung haben soll.

Standard: Die Politik hat also fünf Jahre geschlafen?

Winckler: Wie auch immer Sie das nennen wollen. Es wurde jedenfalls ignoriert, welche Studierendenzahlen auf uns zukommen. Der Grund ist wohl: Eine Diskussion darüber hätte zu dem wahrscheinlichen Ergebnis geführt, dass die Universitäten mehr Geld brauchen. Und so hat man diese Frage einfach aufgeschoben. Dass die Welle kommt, hätte man schon bei dem Nationalratsbeschluss im September 2008, als die Studienbeiträge und Zugangshürden in einer Reihe von Fächern abgeschafft wurden, wissen können. Jetzt ist sie da und die Universität Wien wird nun anstelle von 75.000 Studierenden wahrscheinlich um die 85.000 haben.

Standard: Was heißt das für die Universität Wien?

Winckler: Kein Kollaps, aber eine große Stresssituation in einzelnen Fächern.

Standard: Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) hat einen Dreistufenplan vorgelegt, der im Wesentlichen aus Studienbeiträgen, Eingangshürden und besserer Vorabinformation in Schulen besteht. Ist das das Allheilmittel?

Winckler: In Dänemark werden die Studienplätze genau festgelegt, Studienbeiträge gibt es aber nicht. Das heißt, man muss diese Fragen unabhängig voneinander angehen.

Standard: Ist die Diskussion über Studienbeiträge also ein reines Ablenkungsmanöver?

Winckler: Die viel entscheidendereDebatte ist eben, wie ich die Kapazität der Unis erweitern kann.

Standard: Beim Publizistikstudium wird es wohl Zugangshürden dank des "Notfallparagrafens" im Universitätsgesetz geben. Wie sollen diese aussehen?

Winckler: Die gab es schon bis Herbst 2008. Mit dem Notfallparagrafen geht man daher nur zur alten Situation zurück. Wir würden auf diese Verfahren zurückzugreifen, sprich, die Studierenden müssen während des ersten Semesters gewisse Leistungen erbringen.

Standard: Dieser Paragraf kann nur bei solchen Studien angewendet werden, bei denen es viele deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge gibt. Finden Sie es richtig, dass die Deutschen hier zu "Sündenböcken" werden?

Winckler: Das steht im Gesetz! Ich habe mich selbst gewundert, warum das Parlament explizit deutsche Numerus-clausus-Fächer hineinschreibt. Wir hatten auch ohne sie schon Kapazitätsprobleme.

Standard: Die Wirtschafts-Uni Wien will Zugangshürden für das Studium Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Winckler: Für uns sind andere Fächer prioritär. Es betrifft die Publizistik aber auch Naturwissenschaften wie Biologie und Ernährungswissenschaften.

Standard: Wird es hier so einen Antrag an die Regierung geben?

Winckler: Biologie wird einFach sein, wo wir prüfen wollen, ob das sinnvoll ist. Wichtig wird jedenfalls sein, dass die Regelung im Wintersemester 2010/2011 gilt.

Standard: Themenwechsel: Im Arkadenhof der Uni stehen 154 Ehrenbüsten von Forschern, und nur eine Tafel erinnert an eine Frau. Ein Kunstprojekt macht das jetzt sichtbar. Die Professorenschaft ist jedoch bis heute männerdominiert.

Winckler: Wir haben ein Programm, um den Anteil an Professorinnen zu erhöhen. 2004 waren es noch unter zehn Prozent, heute sind es immerhin 16. Bei den Neuberufungen gibt es Quoten von 25, 30 Prozent. Erstmals wird es Gender-Budgeting geben - wobei wir uns auch die Gehaltsstrukturen genauer ansehen.

Standard: Es studieren mehr Frauen als Männer - das noch dazu erfolgreicher. Warum schlägt sich das noch immer nicht bei den Professorenstellen nieder?

Winckler: Es gibt insgesamt in der Berufswelt anhaltende strukturelle Schwächen. Und es gibt auch einen "Echoeffekt" . Professoren haben ein Durchschnittsalter von 50 Jahren, sie spiegeln also die Verhältnisse vor dreißig Jahren wider.

Standard: Wann wird also die jetzige Studierendenzahl schlagend?

Winckler: In zwanzig, dreißig Jahren werden wir hoffentlich einen Professorinnenanteil von vierzig oder fünfzig Prozent haben. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2009)

Zur Person: Wirtschaftswissenschafter Georg Winckler (66) ist seit 1999 Rektor der Universität Wien.

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Gert Bachmann
 
01
25.10.2009, 23:39
...hätte man nicht nur wissen können, man hat es ganz genau gewusst..

Iinteressant ist da die Begründung, warum man an der Universität Wien nach der de fakto Abschaffung der Studiengebühren die Prüfung der Voraussetzungen für Gebührenfreiheit nicht komplett abschaffte um diese Zeit und dieses Geld sinnvoller zu verwenden. Es handelte sich um ein reines Politikum, um im Falle der Wiedereinführung der Gebühren rasch wieder kassieren zu können. So zeigt sich das wahre Gesicht der Universitätsleitung: ja, die Ankunft der "Welle" war absehbar, aber der Rektor zog es vor, eher in sogenannte Excellenzinitiativen zu investieren, anstatt die Lehre auf die heutige Situation mit gezielten Investitionen vorzubereiten und hat damit die heutige Situation mit verschuldet. Nun in die vergossene Milch zu weinen ist Heuchelei.

pacatianus
 
02
23.10.2009, 18:52

Der einzige Bodenschatz über den Österreich verfügt ist Hirnschmalz. Dieses Hirnschmalz sollte mit aller Sorgfalt und unter optimalen Bedingungen gefördert werden, da es ein unverzichtbarer Bestandteil für die Produktion unserer Zukunft ist. Die unglaubliche Ignoranz mit der die diversen Regierungen - und speziell die zuständigen Minister/innen - dieser Tatsache aus dem Weg gehen und die nötigen finanziellen Mittel (die sie anderen Institutionen großzügig hinten rein stecken) verweigern, grenzt an Landesverrat.

Soph Isticus
01
23.10.2009, 16:29
Die universitäre Macht beruht auf "Prüfungs-Immanenz" der Lehrveranstaltungen. Wer da nicht reinkommt, kann keinen Schein erwerben und wenn er einen Woche später den Nobelpreis verliehen bekommt hilft ihm oder ihr da nichts.

Ob das sinnvoll ist, wage ich heftigst anzuzweifeln.

Studien"plätze" brauchen auch nicht €€€ mäßig "bewirtschaftet" oder vergeben werden, wenn die Innovationsleistung der Uni da wäre.

Es ist leider ein Machtspiel geworden. Der Rektor putzt sich bei den Politikerinnen ab, die Politiker_innen verweisen auf die Privatautonomie der Unis und die Studierenden werden zwischen den Fronten aufgerieben.

Entscheidend: Die Kapaziät der Uni kann durch innovative Einrichtungen und Nutzung moderner Medien tatsächlich extrem erweitert werden.

Nur sagt der Rektor nicht dazu, dass das gleichzeitig Machtverlust der Lehrenden, der Professorenkollegien etc bedeutet.

Es also wieder ein reines Machtspiel ist, bei dem Studierende im Regen stehen.

mountaineer
00
23.10.2009, 09:25

Die Probleme sind eklatant und da redet der von einem Professorinnenanteil und ob der jetzt 4o oder 5o % sein soll.
Ich glaube, der erkennt den Ernst der Lage nicht.

Grantscherben
00
20.10.2009, 16:43

Wer braucht denn soviele präpotente Scheinestreberer?

nebenerwerbsposter
13
20.10.2009, 12:32
ist doch viel einfacher

...einen sündenbock zu suchen - in diesem fall sind's halt die deutschen studenten.
was braucht man sich dann noch was zu überlegen...
politics by ressentiments.

Seria
01
20.10.2009, 11:29

es ist nun mal ein Faktum, daß im Vergleich mit vor 100 Jahren die lehrbedingungen sich stark verschlechtert haben

Curd Hombre
03
20.10.2009, 10:26
War da nicht mal....

....die Liesl Gehrer (kotz)? Evtl hätte der Sith-Lord Schüssel vor seinem Regierungschaos Tibet wegen Erleuchtung besuchen sollen!

Inamaria
72
20.10.2009, 02:58
Bessere Organisation

Rektoren, Professoren, Studenten wollen immer nur das Eine: MEHR GELD. Waere es nicht gescheiter, das ganze Studium zu technisieren? Vorlesungen ueber das Internet, standardisierte Computerpruefungen, Kommunikation und Diskussion via Internet, etc. Um den persoenlichen Kontakt zu pflegen und Fragen zu diskutieren Arbeit in Kleingruppen v.a. mit Tutoren aus hoeheren Semestern oder aus der "Praxis" (wo moeglich), aber natuerlich auch (Pro)Seminare mit AssistentInnen und ProfessorInnen. Ich verstehe ueberhaupt nicht, dass Hunderte StudentInnen der Publizistik vor oder im AudiMax anwesend sein muessen - um nur ein Beispiel zu nennen.

wolken kratzer
 
02
20.10.2009, 10:56

des pudels kern ist im gegensatz zu ihrem vorschlag ja ausgerechnet folgende situation: es gibt zu wenige lehrende und pro(seminare), übungen. die können sie nicht ins internet stellen.

wie bekommt man mehr lehrende, pro(seminare) etc.?

upps... NUR MIT MEHR GELD.

im übrigen bedingt lehre/lernen auch präsenz und nicht nur gestreamtes gequassel auf youtube.

t-bonesteak
51
20.10.2009, 12:09
sagen wir es einmal so:

die ressource "lehrende" wird nicht optimal eingesetzt. aller jammerei zum trotz haben v.a. professoren ausreichend zeit für eine vielzahl an nebenbeschäftigungen - vom post-graduate-lehrgang über gutbezahlte gutachterposten bis hin zu vereinsmeierei.

würde jeder professor eine vo oder ein ps/se mehr pro semester anbieten (würde z.b. an der wu-wien mit salopp geschätzt 50 profs 50 lvs mehr pro semester bedeuten), wären die kapazitäten um ein vielfaches höher und die studenten könnten schneller studieren.

Demian Höllwarth
 
00
28.10.2009, 22:50

Einmal abgesehen von der sehr guten Antwort von wolken kratzer würd ich gerne nur auf den Aspekt "Vereinsmeierei" replizieren.

Wer sagt ihnen denn, dass das keine wichtige Arbeit ist, die dort geleistet wird?

Es würde dem Land sicher nicht schaden, hätten wir mehr (gut gebildete) Akademiker in der Politik (Parteien sind im Prinzip ja auch Vereine)

Wer sagt ihnen denn, dass nicht gerade dort, im Austausch mit Fachfremdem der Wissenschafter auf neue Gedanken kommt, die ihn in seiner Arbeit weiter bringen?

Wissenserwerb ist bis zu einem gewissen Grad Spiel. Die völlige Fixierung auf spezialisierte Arbeit im klassischen Sinn (auch wenn´s da im Einzelfall sicher Effizienzreserven zu heben gibt) bringt uns auch nicht weiter...

wolken kratzer
 
02
20.10.2009, 12:19

das ist nicht richtig: vertraglich haben die diversen profs eben feststehende lehrzeiten und aufgabenbereiche, darunter fallen z.b. auch abschlußprüfungen (mag/dr/ba/ma ...) etc. etc.

nebenbeschäftigungen: das kann nur in bestimmten fächern vorkommen (med etc.), aber sicher nicht an diversen kulturwissenschaftlichen faks etc. etc. etc.

es ist eher so, dass mittlerweile die lehrenden zu verwaltungsbeamten degradiert werden, weil für eine immer mehr ausufernde bürokratie kein personal eingestellt wird. die meisten uni-lehrenden sind bereits bei einer 7-tage-woche. da kann man nicht einfach noch eine VO und noch ein PS machen. die folgen der jetzigen lage heißen doch ohnehin schon: quantität versus qualität.

Jacksonson6
03
20.10.2009, 10:34

Weil eine schlechte Vorlesung "live" immer noch besser ist als eine schlechte Vorlesung online.

Paracoccidioidomicosisproctitissarcomucosis
00
20.10.2009, 00:10
"Der Muse reicht's"

und mir auch bald...für so an schaus auch nur 10 cent zu vergeuden, ich fass es nicht.

auch wenn ich von unserem direktor sonst nicht viel halte, aber dabei muss ich ihm leider zu 100% zustimmen: "Eine Diskussion darüber hätte zu dem wahrscheinlichen Ergebnis geführt, dass die Universitäten mehr Geld brauchen. Und so hat man diese Frage einfach aufgeschoben."

capcom
21
19.10.2009, 22:26

ich verstehe nicht, warum sich eine uni nicht mehr frauen wünscht. die sind ja viel billiger.

Gerhard Grabner
21
19.10.2009, 18:30
"Welle"

StudentInnen sind keine Flüssigkeit und daher auch keine "Welle". So ein Boulevardjargon ist eines Rektors unwürdig!

capcom
00
19.10.2009, 22:27

sie haben nach dem titel wohl nur mehr den namen des rektors gelesen und sind gleich zum posten übergegangen.

traveller13
04
19.10.2009, 18:55

man kann auch von einem Ansturm reden, obwohl die studenten nicht aus regen sind.

Gerhard Grabner
41
19.10.2009, 19:02
Wenn schon aus Luft

Worum es mir ging: "Welle" ist so ein Ausdruck der rechtspopulistischen Ausländerdebatte, und drum finde ich es komisch, wenn auch schon ein Rektor diese Wortwahl unreflektiert benutzt.

der letzte wagon
01
20.10.2009, 13:32
bitte einen Gang zurückschalten ...

zwischen "Welle" und "bis zur Vergasung", "ausmerzen" oder "durch den Rost fallen" ist aber schon noch ein Unterschied. Sonst versuchen hier ja eine "Welle" der Empörung auszulösen.

Quintus Beckloeffel
00
20.10.2009, 10:05

Sie müssen noch viel lernen! In Österreich gibt verschiedene Kategorien von Ausländern: solche, gegenüber denen man keine Ressentiments haben darf (bei Verstoß Mahnwachen nicht unter drei Tagen) und solche, gegenüber denen man auch in aufgeklärt-weltoffen-fortschrittlichen Kreisen Ressentiments haben darf, ohne gegen die Etikette zu verstoßen.

yada yada yada
01
19.10.2009, 22:14

jedem das seine

Kritifax
00
19.10.2009, 22:48

rücktritt.

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