Wichtigmacherei

14. Oktober 2009, 11:05
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Das Popmagazin The Gap wurde hundert - Das nahm es zum Anlass, um in schönster Fellner-Tradition eine Liste zu veröffentlichen

Hundert Ausgaben lang ein Magazin für Popkultur zu veröffentlichen, das muss man in Österreich einmal schaffen – und überleben. Immerhin ist das hierzulande ein wenig wie der Kuh das Tor zu erklären. Dafür gebührt dem Gap, The Gap, wie es heißt, Respekt. Ich kenne das Gap seit Anbeginn, und bald war klar, dass die Verantwortlichen nicht bloß ein weiteres Fanzine machen wollten, in dem Überzeugungsprosa für die und die Band kopiert veröffentlicht wird. Auch wenn das schon auch passt und bis heute passiert.

Dankenswerterweise bekomme ich das Heft immer zugeschickt, aber ich bin nur noch ein Durchblätterer, lese höchstens den Edlinger oder hin und wieder etwas, das mich anspringt. Es kommt mir mittlerweile wie ein breit aufgestellter Gemischtwarenhandel vor, dessen Ausrichtung sich auch ein wenig in den Anzeigen widerspiegelt. Von den Grünen bis zu Raiffeisen, von Jack Daniels bis zur Wirtschaftskammer, von FM4 bis Ö1. Schwerpunkt allgemeines.

Einige Tage nach dem 100er-Fest letzten Freitag im WuK, habe ich nun die neue Ausgabe bekommen, und die hab ich mir genauer angesehen. Schließlich werden da hundert Österreicher im attraktiven Alter bis Anfang 40 vorgestellt, von denen das Gap annimmt, dass diese in den nächsten Jahren "Österreich prägen werden". So etwas interessiert mich, weil so was finde ich problematisch. Schließlich ist es ein Zeichen von Verfellnerung, diese Wichtigmacherei, dieses Behaupten von Bedeutung und deren (vermeintliche) Herstellung mittels Liste. Und dann finde ich die Ausrufung von Personen besonderer Bedeutung immer auch deshalb unnötig, weil alle anderen indirekt als Trotteln überbleiben – wenn's nicht gerade um die Liste mit den größten Trotteln geht.

Die Gap-Liste finde ich umso seltsamer, als dass der Fellner wenigstens Freund u n d Feind berücksichtigt, während im Gap eine rosa Zukunft herbeigelistet wird, die es nicht geben wird. Hier bleibt man nämlich gänzlich in der eigenen kleinen Welt, schmort im Saft des eigenen Feuchttraums. Das ist ein bisserl wie Austro-Pop. Wahnsinnig wichtig, wahnsinnig egal. Die bösen anderen – die genau dieselben Listen anfertigen könnten –, die bleiben außen vor.

Spätestens hier ist die Liste also für'n Hugo. Und wenn man einige der ohnehin nur selten als solche zu bezeichnenden Begründungen für die Listung mancher Personen liest, fragt man sich auch, was an manchen dieser Ich-AGs besser sein soll, als an anderen. La Lista liest sich jedenfalls wie ein Querschnitt durch die Facebook-Freundesblase eines einigermaßen etablierten urbanen Kreativen. Freunderlwirtschaft 2.0 heißt halt heute Netzwerk.

Ich nenne keine Namen, weil die Gelisteten ja nichts dafür können, vom Gap der künftigen Herrenrasse des Landes zugeordnet worden zu sein – überspitzt gesagt. Jedenfalls ist es ein bisserl unelegant, sich einerseits über "das herrschende Mittelmaß" im Lande zu erregen und es gleichzeitig zu transportieren, in dem man wie jene das Mittelmaß einzementierenden Kasblattln agiert, über die man sonst gerne die Nase rümpft.

Ungeachtet dessen: ad multos issues!

(Karl Fluch, derStandard.at, 14.10.2009)

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    cover: the gap
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