Wenn Steve Albinis Augen glänzen

6. Oktober 2009, 17:54
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Die ersten fünf Alben von The Jesus Lizard sind eben neu aufgelegt worden.

Wenn Steve Albini einen fahren lässt, kommentiert er das mit "safety" – und spricht ungerührt weiter. Passiert ist das bei meinem Interview mit dem Produzenten und Musiker (Rapeman, Big Black) vor eineinhalb Jahren in der Szene Wien, als ich mit ihm am Nachmittag vor einem Auftritt mit seiner Band Shellac gesprochen habe.

Was genau "safety" in Zusammenhang mit einem Flatus bedeuten soll, wurde mir nicht klar, möglicherweise ging es um eine empirische Einschätzung des Verursachers bezüglich der Giftgasgefahr. Nachdem weder ich das Gesicht verziehen musste noch sich Wurstscheiben der bereitgestellten kalten Platte im Raum verfärbten schien mir das irgendwie schlüssig. Und ich hab seit damals einen ganz speziellen Ton von Steve Albini auf Kassette. Ja, da erblast so mancher Sammler vor Neid!

Im Interview kamen wir irgendwann auf das Touch and Go Records Festival zusprechen, anlässlich dessen 25-jährigen Geburtstages Albini Big Black für ein paar Songs reformiert hatte. 2006 war das. Da plauderte er plötzlich los, bekam glänzende Augen und meinte, es sei nur unendlich schade gewesen, dass die 1999 aufgelösten The Jesus Lizard damals nicht dabei gewesen wären. Immerhin hätten sich sogar Killdozer für dieses Festival wiedervereint, Big Black sowieso.

Mittlerweile haben sich The Jesus Lizard nicht nur wiedervereint, Albini selbst hat die ersten fünf Alben dieser Band aus Chicago remastered und Touch and Go, dass als Neuerscheinungslabel das Handtuch geworfen hat, hat diese nun eben wiederveröffentlicht. Trost vertreibt sie in Österreich, im Substance stehen diese fünf Monster bereits, die CDs sind um einige Singles aufgefettet. Die LPs kommen nun als Gatefolds mit extra Bildmaterial und großformatigen Booklets.

Ich habe die Band um David Yow Anfang der 1990er ein paar Mal gesehen. Einmal, im CBGB's, in New York, im Rahmen eines Auftritts beim "new music seminar", bin ich von einem Bekannten einem völlig verschwendeten David Yow sogar vorgestellt worden. Der hat zwar "Hi" gesagt, aber durch mich und alle anderen durchgestarrt. Schließlich hatte er eben eine gute Stunde full-contact-show absolviert. Wie immer.

Neben das erste-Mal-Henry-Rollins-erleben war meine Jesus-Lizard-Entjungferung das Umwerfendste, was ich Ende der 80er, Anfang der 90er auf einer Bühne gesehen habe. Eine kontrolliert-aggressive Band, die präzise auf den Punkt spielt, und eben Yow vorne, kopfüber im Publikum, der personifizierte Wahnsinn aus fucking Las Vegas, der Nach Texas und Chicago die ganze Welt niederreißen wollte.

Wie es der Autor von "Our Band Could Be Your Life", Michael Azerrad, richtig beschrieben hat: Ein Jesus-Lizard-Gig bedeutete nicht, dass da eine Band in die Stadt kam und dem Publikum ein paar Songs ihres neuen Albums vorspielte. Eine Jesus-Lizard-Show bedeutete eine Stunde lang Irrsinn und Katharsis. Und Spaß! Yow ist nämlich auch fucking funny!

Steve Albini hatte Yow einst einen Plastikkübel über den Kopf gestülpt, ihm das Mikro dazu reingesteckt, und ihn aufgefordert, zu singen. David Gill, Chef der Gang Of Four und Produzent des späten JL-Albums "Blue", erzählte mir einmal, sein Hauptziel bei "Blue" sei gewesen, endlich einmal Yows Texte verständlich zu machen.

Ich habe die Band heuer beim Primavera-Festival live gesehen, es war so verrückt wie früher. Auf der Homepage von Touch and Go gibt es ein aktuelles Live-Video: Da ist der Link, enjoy!

(Karl Fluch, derStandard.at, 06.10.2009)

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    montage: derstandard.at
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