Rot geht, blau kommt.

2. Oktober 2009, 11:09
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Nicht ganz so schlimm, aber trotzdem: Der Plattenladen Red Octopus ist out of business, Blue Danube Records just in.

Red Octopus ade, willkommen Blue Danube Records. Rot geht, blau kommt, würde der Apokalyptiker da wohl sagen. Ist aber nicht ganz so schlimm. Der Wiener Plattenladen Red Octopus hat mit 30. September zugesperrt. "Jazz and more" verkaufte man dort. Der Jazz war ein Grund, warum ich dort ein seltener Gast war. Ist nicht meins.

Ich habe dort dennoch einst meine "A Love Supreme" von John Coltrane erstanden, einige Cuba-CDs, und wenn ich mir das noch in Schilling-Währung am Coltrane-Cover klebende Preisschild anschaue, fällt mir auch der Grund ein, warum ich das "more" immer anderswo erstanden habe. Außerdem hat sich Red Octopus dann auch für Bitch Magnet- oder Poison Idea-Singles nicht so zuständig gefühlt. Trotzdem ist ein geschlossener Plattenladen immer ein Verlust. Ein sozialer wie kultureller.

Das Plattenlädensterben ist ja leider eine schon länger grasierende Seuche. In der New York Times stand erst ein Artikel über ehemalige Stadt- und damit oft auch weltberühmte New Yorker Plattenlädenbesitzer, die ihre Stores geschlossen haben und nun entweder online verkaufen oder an bestimmten Tagen für ausgesuchte Klientel Zugang zu ihren Schätzen schaffen. Das rollt dann auch wieder der Rubel. In der neuen Zeit ist auch eine Doppelseite über Vinyl und das britische Label Honest Jones zu lesen. Wird noch richtig ehrenwert, das Vinyl.

Ich habe einmal von einem New Yorker Bekannten um die Jahrtausendwende eine fette Liste von New Yorker Plattenläden bekommen. Von denen gibt es heute noch geschätzte fünf. Zuletzt tauchte Vinyl dann schon öfter als Wertanlageobjekt auf den Wirtschaftsseiten von Zeitungen auf. Das fehlte noch, dass renditegeile Exbanker jetzt auf Platten umsatteln. Aber wird wohl eher nicht passieren.

Während Red Octopus also Geschichte ist, eröffnet am Samstag Blue Danube Records einen Laden in Wien. Wieder einmal und dieses Mal an einer diesbezüglich historischen Stelle. Blue Danube Records betreibt ein Tullner Musik-Freak, ein Klassikliebhaber und Audiophiler. Bei dem war ich zwei, drei Mal zu Besuch. In seinem Kaufhaus, in dem man inmitten von Mäser Herrenunterwäsche, Altweibermode und von der Decke baumelnden Preisschildern weiter hinten dann plötzlich vor mannshohen Boxen stand, auf denen erst gar kein Preis vermerkt war, weil eh jenseitig.

Dazu Plattenspieler und Verstärker für den Freund des messbaren Schönklangs. Auch nicht meins. Neben der Hardware gabs im Keller und später auch nebenan aber meterweise Software. Der Mann kauft nämlich in Übersee alte Sammlungen auf, von aufgelassene Radiostationen usw. Unter dem, was dem Klassikliebhaber wohl nur als überflüssiger Ramsch aufs Versandporto schlägt, und das waren viele Meter, fanden sich etliche Goodies von Brian Eno bis Marvin Gaye, und ich kenn einige Leute, die da gutes Geld gelassen haben.

Die erste Wiener BDR-Dependance hat dann aber nicht funktioniert. Ums Eck vom Karmelitermarkt ist der Christoph Steinbrenner gesessen und hat versucht, ein paar Meter Blue Danube Records in der Blue Danube Hauptstadt zu verkaufen. Ging nicht lange.

Am Samstag eröffnet nun BDR an der Stelle, an der einst das alte Why Not in der Otto Bauer Gasse lag. 250.000 Platten, steht in der Auslage geschrieben, würde einen da erwarten. Schaun wir mal.

Wie auch immer: Support your local record stores!

(Karl Fluch, derStandard.at, 02.10.2009)

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