Heute Hauptplatz, morgen Schrottplatz

19. Oktober 2009, 17:48
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Größte Herausforderung bei temporären Projekten sind Nachnutzung und Recycling

Auf der einen Seite sind temporäre Architekturprojekte kulturelle und soziale Katalysatoren, auf der anderen Seite führen sie unausweichlich zur Frage: Was passiert danach? "Die weltweite Bautätigkeit verschlingt mitsamt Abbruch und Entsorgung rund ein Drittel aller Energieressourcen" , sagt der deutsche Architekt und Bauingenieur Werner Sobek. "Hinzu kommt, dass rund 50 Prozent des globalen Müllaufkommens der Baubranche zuzuschreiben sind."

Mehr als in anderen Disziplinen verlangt temporäre Architektur nach einem sinnvollen Recycling- bzw. Nachnutzungskonzept. Bestes Beispiel dafür ist der österreichische Pavillon auf der Expo 1958 in Brüssel. Der von Karl Schwanzer geplante Stahlbau wurde nach Ende der Weltausstellung in Einzelteile zerlegt und im Schweizer Garten in Wien als sogenanntes 20er Haus wieder aufgebaut.

"Grundvoraussetzung für Nachnutzung und Recycling ist eine behutsame und langfristig orientierte Planung" , sagt Architekt Dietmar Eberle, "wenn das der Fall ist, können viele Einzelteile ohne Weiteres wiederverwertet werden."

Das provisorische Terminal 1A am Flughafen Wien Schwechat - ein Projekt von Baumschlager & Eberle - ist mit 4,40 Metern Durchfahrtshöhe so dimensioniert, dass die 120 Tonnen schwere Stahlkonstruktion eines Tages als Busgarage oder LKW-befahrbare Lagerhalle genutzt werden kann. Ein ähnliches Leben nach dem Tod fristet derzeit die ehemalige Kunsthalle am Karlsplatz in Wien: Sie dient einem Bauunternehmen in Niederösterreich als Lagerhaus.

Je simpler, desto ökologischer

Die aktuellen Kulturprojekte in Linz sind differenziert zu betrachten. Generell gilt: Holzbau-Architekten haben in Sachen Nachnutzung die besten Karten in der Hand. Die Holzschalungstafeln des Gelben Hauses Bellevue nahm die Baufirma wieder zurück und nutzt sie nun als Konstruktionshilfe für "untergeordnete Zwecke" , wie Roland Ecker, Geschäftsführer der Ybbstaler Holz & Bau GmbH, versichert. Die 200 Kubikmeter Fichten- und Tannenholz, die im Höhenrausch verbaut wurden, sollen nach Abbau im Biomasse-Heizkraftwerk des Bauunternehmens Brüder Resch verheizt werden.

Je aufwändiger und durchgestylter ein temporäres Architekturprojekt ist, desto schwieriger gestaltet sich seine Nachnutzung. Der Pavillon 80+1 Eine Weltreise (anytime-Architekten), der einige Monate auf dem Hauptplatz stand, musste zur Gänze entsorgt werden. "Die baulichen Elemente wurden durch Kleben und Bohren so behandelt, dass eine Nachnutzung unmöglich war" , erklärt Franz Eckmayr, Geschäftsführer der Messemanagement Linz GmbH. Fazit: Schrottplatz.

Und was passiert eines Tages mit dem Linzer Auge vor dem Ars Electronica Center? "Recycling stand nicht zur Diskussion", sagt Architekt Mario Paintner von feld72, "wir hatten eher an eine langfristige Nachnutzung gedacht." (woj, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2009)

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