Ex-Parlamentspräsident Mehdi Karrubi will "endlich die Wahrheit erzählen"

19. Oktober 2009, 15:13
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Nur ein Schild erinnert an die Zeitung "Etemad Melli" in der Karimkhanstraße im Zentrum von Teheran. Die Zeitungsvitrine ist leer. Das Haus sieht verlassen aus, aber der Schein trügt. Hier residiert Mehdi Karrubi, der frühere Parlamentspräsident und Präsidentschaftskandidat, der es gewagt hat, ein dreißig Jahre andauerndes Tabu im Iran zu durchbrechen. Daraufhin wurde seine Zeitung verboten. Trotzdem waren alle Versuche, ihn zum Schweigen zu bringen, bis jetzt ergebnislos.

„Man soll mich vor Gericht stellen“, sagt er auf die Frage, was er von den Androhungen des Staatsanwalts Gholam-Hossein Mohseni-Ejei hält, der ihn vor ein Sondergericht stellen will.

„Ich warte darauf, abgeholt zu werden, dann habe ich die Möglichkeit, endlich die ganze Wahrheit über die Ungerechtigkeiten der letzten Zeit zu erzählen“, meinte Karrubi in einer Sitzung mit jungen Geistlichen. Mehdi Karrubi stammt von einer Gelehrtenfamilie aus Aligodars im Zentraliran. Er ist der erste frühere Spitzenpolitiker in der Geschichte der islamischen Republik, der öffentlich behauptet hat, dass in den Gefängnissen der Regierung gefoltert und vergewaltigt wird. Durch ihn wurde das berüchtigte Internierungslager Kahrizak publik, in dem nach den Unruhen nach der Präsidentschaftswahlen am 12. Juni Demonstranten festgehalten wurden, was für eine Welle der Entrüstung im Iran sorgte. Das Internierungslager wurde daraufhin auf persönliche Anordnung des religiösen Führers Ali Khamenei geschlossen.

Karrubi bildete zusammen mit dem Präsidentschaftskandidaten und Anführer der „Grünen Bewegung“ Mir-Hossein Mussavi ein Komitee, um die Namen der Ermordeten und Gefolterten festzuhalten und zu veröffentlichen und Gerechtigkeit für sie zu erlangen. Alle Versuche der Regierung, durch Gegendarstellung die Behauptungen dieses Komitees zu widerlegen sind bis jetzt fehlgeschlagen. Nach Angaben dieses Komitees sind neben Gefolterten und Vergewaltigten 72 namentlich bekannte Jugendliche bei Unruhen ums Leben gekommen, was die Regierung als unwahr bezeichnet. 32 Tote gibt sie zu.

Durch die Androhung, ihn vor Gericht zu stellen, soll Karrubi zum Schweigen gebracht werden, meinen die Anhänger der Grünen Bewegung. Vor drei Wochen hat man, um die Arbeit dieses Komitees zu unterbinden sogar Ali-Reza Beheshti, einen engen Berater Mussavis, verhaftet. Nach ein paar Tagen wurde er aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit gegen Hinterlegung einer hohen Kaution entlassen. Ali-Reza Beheshti ist der Sohn des bei einem Attentat vor 29 Jahren ums Leben gekommenen Ayatollah Mohammad Beheshti. Er war einer der engsten Weggefährten des Republikgründers Ayatollah Khomeini und der bekannteste Stratege der islamischen Republik. Etliche Nachkommen einstiger berühmter Revolutionäre sind heute bei der Grünen Bewegung. (M.M. für derStandard.at aus Teheran, 19.10.2009)

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    Mehdi Karrubi

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    Seine Zeitung "Etemad Melli" vor der Einstellung.

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