"Flussleichen in Betonsärgen"

19. Oktober 2009, 14:42
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Die Situation der heimischen Flüsse werde "dramatisch überschätzt", Umweltschützer drängen auf eine österreichweite Potenzialanalyse

Wien - Während die heimische Energiewirtschaft massiv zum Ausbau von Wasserkraftwerken drängt, läuten bei Umweltschutzorganisationen die Alarmglocken. 30 Prozent aller Fließstrecken der größten heimischen Flüsse sind bereits durch Kraftwerke beeinflusst, berichtete der WWF bei der Präsentation
seines "Ökomasterplans" am Montag in Wien.

Untersucht wurden dabei die 53 größten Flüsse Österreichs (Einzugsgebiet größer als 500 Quadratkilometer). Auf mehr als 5.400 Flusskilometern befinden sich 3.700 Barrieren, darunter 747 Kraftwerke. Diese Situation sei "dramatisch", denn sie bedeute, "dass das Fluss-Fließkontinuum alle 1,7 Kilometer unterbrochen wird", so der WFF in einer Aussendung.

Kritik an Ausbauplänen der E-Wirtschaft

Dass die E-Wirtschaft die heimische Wasserkraft bis 2020 um sieben Terawattstunden (TWh) - ein Zehntel des jährlichen Verbrauchs - weiter ausbauen will, sorgt deshalb für gehörigen Widerstand. "Solange es keine sinnvolle Wasserkraftpotenzialanalyse für Österreich gibt, kann man keine Zahlen nennen", meinte etwa Christoph Walder, Leiter der WWF-Kampagne "Flüsse voller Leben". Es gebe hierzulande keine Pläne, wo etwa alle Kraftwerke österreichweit eingezeichnet sind. "Wie kann man Energiepolitik betreiben und effektiv planen, wenn man das nicht weiß?", fragte Walder.

Der WWF-Ökomasterplan, der mit Experten der Universität für Bodenkultur abgestimmt wurde, dient als Basis für die Stellungnahme zum "Nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan" (NGP), die bis 27. Oktober eingereicht werden kann. Einer der Experten, nämlich der Generaldirektor des Wiener Naturhistorischen Museums, Bernd Lötsch, fand am Montag ebenfalls recht drastische Worte: „Unsere Fließgewässer wurden jahrzehntelang verbaut, verstaut oder zu Flussleichen in Betonsärgen ausgeleitet. Mit diesem Aderlass muss jetzt Schluss sein - die Flüsse haben ihre Schuldigkeit getan."

"Beispiellose Gehirnwäsche"

Die Bedeutung der Wasserkraft für die zukünftige Energieversorgung werde "in einer beispiellosen Gehirnwäsche hochstilisiert". Sie verdiene nicht den Mythos der Sauberkeit und könne das Erhoffte nur rein rechnerisch einbringen. Gerade im Winter, wo der Energieverbrauch am höchsten ist, bringe die Wasserkraft am wenigsten, sagte Lötsch.

Selbst bei Ausschöpfung des gesamten, technisch machbaren Potenzials könne durch Wasserkraft lediglich der Stromverbrauchszuwachs der nächsten fünf Jahre abgedeckt werden. "Danach haben wir keine Flüsse mehr", so Lötsch.

"Kraftwerksbau nur unter Polizeischutz"

"An sensiblen Flussstrecken in Schutzgebieten wie an der steirischen Mur südlich von Graz, oder an Flussheiligtümern von europaweiter Bedeutung wie dem Tiroler Lech oder der Schwarzen Sulm in der Steiermark ist für die Wasserkraft einfach kein Platz mehr", schlussfolgert Andreas Wurzer, stellvertretender Geschäftsführer des WWF Österreich. "In diesen Tabuzonen muss die Natur Vorrang haben!"

Rund 20 Prozent der Flussstrecken befinden sich noch in einem "natürlichen" oder "naturnahen" Zustand. "Diese Flussjuwele müssen unbedingt vor der Wasserkraftnutzung geschützt werden", so der WWF. 30 Prozent aller Fließstrecken an den 53 größten heimischen Flüssen sind bereits so stark durch Kraftwerke beeinflusst, dass sie "nicht mehr als Flüsse bezeichnet werden können", erklärt Wurzer. Weitere drei Prozent der Flussstrecken müssen als "gering schützenswert" eingestuft werden, weil sie in allen vier untersuchten Kriterien schlecht abschneiden und insgesamt bereits sehr stark belastet sind. Sieben Prozent der Gewässerstrecken weisen zumindest aufgrund ihres Potentials für Revitalisierungen eine "hohe Schützwürdigkeit" auf.

"Sensible Abschnitte"

Die verbliebenen rund 40 Prozent der Flussstrecken sind zwar nicht als "naturnah" bzw. "natürlich" anzusehen. Dennoch handle es sich um sensible Abschnitte, "die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie eine zusammenhängende freie Fließstrecke aufweisen oder sogar in einem Schutzgebiet liegen".

Wolle die E-Wirtschaft die heimische Wasserkraft tatsächlich um sieben TWh ausbauen, werden viele Kraftwerke "nur mit Polizeischutz gebaut werden können", kündigte Lötsch an. "Ich bin davon überzeugt, dass wir grundsätzlich den enormen Stromverbrauch senken und viel mehr in Richtung Effizienzsteigerung tun müssen. In der Förderung von Solar- und Windkraft sowie Biomasse liegt noch ein riesiges Potenzial."

VEÖ verurteilt "Kampfrhetorik"

Die Generalsekretärin des Verbands der Elektrizitätsunternehmen Österreichs (VEÖ), Barbara Schmidt, wies die "Kampfrhetorik" des WWF strikt zurück: "Man kann nicht gleichzeitig gemeinsam in Arbeitsgruppen eine nachhaltige Energiestrategie für Österreich diskutieren und in Presskonferenzen ankündigen, wenn der Masterplan Wasserkraft Wirklichkeit werde, könne man viele Kraftwerke nur unter Polizeischutz bauen." Auch Aussagen wie die "Flussleichen in Betonsärgen" seien völlig unangebracht.

In der Sache stellt der VEÖ klar: "Wenn man von Vornherein das Vorhandensein einer Fließstrecke als Knock-out-Kriterium für den Bau von Wasserkraftwerken festlegt, schließt man damit Kraftwerke von Beginn an aus."

Die Nutzung der nachhaltigen Stromproduktion aus Wasserkraft sei "Österreichs beste Chance zur Reduktion der CO2-Emissionen und zur Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien aus inländischen Ressourcen." Die im Rahmen des Masterplans Wasserkraft angestrebten sieben Milliarden Kilowattstunden zusätzlichen Stroms aus nachhaltiger Produktion "ersparen uns 3,1 Millionen Tonnen CO2-Emissionen, das kann man nicht wegdiskutieren", so Schmidt. (red)

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    Bis 2020 will die heimische E-Wirtschaft um sieben Terawattstunden (TWh) mehr Strom aus Wasserkraft erzeugen (Bild: Drau-Flusskraftwerk Feistritz in Kärnten).

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