"Microsoft ist in der Windows-Psychose gefangen"

19. Oktober 2009, 12:02
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Vom Innovator zum Verfolger - Win 7, die Cloud und Office 2010 als Hoffnung für das Imperium

Das in den 90er Jahren aufgebaute Imperium des Software-Riesen Microsoft begann in den letzten Jahren stark zu bröckeln. Das Bild von David gegen Goliath trifft bei den Redmondern nur allzu genau ins Schwarze. Doch sind es gleich mehrere Davids, gegen die sich Microsoft nun verteidigen muss - Apple, Google, Amazon und weitere. Der Konzern sei träge geworden, meinen Kritiker. Mit Windows 7, Windows Mobile 6.5 und 7, Windows Azure und Office 2010 versuchen die Redmonder nun, sich aus der phlegmatischen Phase herauszuwursteln.

Rolle des Verfolgers

Microsofts Problem ist, dass der Konzern von einem Innovator zu einem Verfolger zurückgefallen ist. Apple hat mit dem iPhone am Smartphone-Markt den Ton angegeben, obwohl die Redmonder seit Jahren eine eigene Handy-Plattform anbieten. Google hat die Innovationsführerschaft am Suchmarkt und bei Online-Applikationen an sich gerissen - erst mit Office 2010 will auch Microsoft Online-Versionen seiner Bürosoftware anbieten. Im Cloud Computing-Markt hat sich unter anderem Amazon einen Namen gemacht. Microsoft will hingegen seine Wolken-Plattform Windows Azure erst nächsten Monat veröffentlichen.

Windows-Psychose

"Sie sind in ihrer eigenen Psychose gefangen, dass sich die Welt rund um Windows auf dem PC drehen muss", so Salesforce-CEO Marc Benioff gegenüber der New York Times. Salesforce bietet selbst Business-Software und Cloud Computing-Services an. Microsoft besitzt am PC noch immer eine große Marktmacht und kann mehr als andere Konzerne in Entwicklung und Forschung investieren. Doch Analysten bezweifeln, dass das Unternehmen die Technologie-Landschaft in Zukunft wieder so nachhaltig beeinflussen kann wie früher.

Zu viele Bereiche

Was mehrere Branchenbeobachter kritisieren sieht man bei Microsoft freilich als Stärke - am Software-Markt alle Bereiche abdecken zu wollen. CEO Steve Ballmer nennt das beim Cloud Computing auch den "Drei-Display-Ansatz" - Software, die es ermöglicht von PC, Handy und Fernseher aus auf dieselben Services zugreifen zu können. Darüber hinaus mischt das Untenehmen aber auch in anderen Bereichen mit: beispielsweise mit der Xbox 360 und dem Online-Spiele-Service Xbox Live am Spielemarkt und mit dem Zune am Musikmarkt.

Innovationen kommen von Apple und Google

Die Innovationen finden nun am Konsumenten-Markt statt und dringen erst danach in die Unternehmen ein. Beste Beispiele sind Apples iPhone und Googles Suchmaschine, aber auch Plattformen wie Facebook und Twitter. Microsoft sei von der Szene verschwunden, der Markt konzentriere sich nun darauf, was von Google und Apple kommt, meint auch eine Marketing-Expertin gegenüber der Zeitung. Microsoft versuche sich mittlerweile eher in Märkte einzukaufen, die von anderen Unternehmen dominiert werden. Am Suchmaschinenmarkt musste das Unternehmen lange kämpfen, bis man mit Bing ein Produkt auf den Markt bringen konnte, dem Experten über lange Sicht eine Chance gegen Google bescheinigt.

Zu spät am Handy-Markt

In anderen Bereichen ist der Konzern weniger erfolgreich. Ein großes Sorgenkind der Redmonder ist der Smartphone-Markt. Steve Ballmer erklärte erst vor kurzem, wie unglücklich man mit dem Fortschritt von Windows Mobile sei. Statt dem Zwischen-Release 6.5, das von Testern ordentlich kritisiert wurde, sollte man schon längst Version 7 auf den Markt gebracht haben. Angeblich soll die kommende Version des Handy-Betriebssystems im Frühjahr fertig gestellt und kurz darauf mit ersten Handys in den Markt entlassen werden (der WebStandard berichtete). Der Schritt kommt allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem Rivale Apple bereits das dritte iPhone verkauft, Palm sich mit WebOS und dem Pre am Markt zurückgemeldet und Googles Android eine Legion neuer Endgeräte hervorgebracht hat. Und auch die Gerüchte, die zu Projekt Pink durchdringen, werfen kein gutes Licht auf den Konzern.

Aufschwung mit Windows 7

Am Markt für Computer-Betriebssysteme scheint sich Microsoft mit Windows 7 aus dem Vista-Flop herausgearbeitet zu haben. Das Betriebssystem erscheint am 22. Oktober und mit ihm bringen die PC-Hersteller einen Schwung neuer Hardware auf den Markt, die ganz nach dem Geschmack der Konsumenten sein dürften: ultraportable Netbooks, günstigere Laptops und moderne Touchscreen-Rechner. Nichts desto trotz hat das Vista-Debakel stark am Image des Konzers gekratzt und dem Konkurrenten Apple ein paar Prozentpunkte am Markt verschafft. Man habe zu viel in zu kurzer Zeit stark ändern wollen, erklärt Ballmer bezüglich Vista.

Redmond muss schneller werden

Das Unternehmen muss sein Tempo wohl an die jüngeren Rivalen anpassen. So sehe das laut NYT auch Bob Muglia, Präsident von Microsofts Server Software Business. Microsoft sei zu einer reifen Firma geworden, die sich in einigen Dingen vielleicht nicht mehr schnell genug bewege. Der größte Vorteil der Redmonder ist aber, dass sie großes Durchhaltevermögen beweisen, was nicht zuletzt an der Finanzkraft liegt. Und solange es noch PCs gibt, so lange werde es auch noch Microsoft geben, auch wenn sie vielleicht die Zukunft der Industrie nicht mehr so stark mitgestalten können wie früher, meinen Analysten. (br/ derStandard.at 19. Oktober 2009)

  • Microsoft sei in seiner eigenen Psychose gefangen, dass sich die Welt rund
um Windows auf dem PC drehen muss, so Salesforce-CEO Marc Benioff.

    Microsoft sei in seiner eigenen Psychose gefangen, dass sich die Welt rund um Windows auf dem PC drehen muss, so Salesforce-CEO Marc Benioff.

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