Listige Lady macht Lust auf Literatur

19. Oktober 2009, 18:14
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Margaret Atwood zu Gast im Waldviertel

Heidenreichstein - "Wenn Sie Tipps brauchen, wie Sie acht Wochen aus einem kleinen Koffer leben:Fragen Sie mich!" Eben noch war die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood auf der Frankfurter Buchmesse, am nächsten Tag präsentierte sie ihren jüngsten Roman Das Jahr der Flut in Berlin, ehe sie zur großen Promotiontour durch Nordamerika aufbricht. Zwischendurch aber ist die Grande Dame der Erzählkunst, die fast ebenso lange wie Philip Roth für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, an diesem Wochenende in Heidenreichstein gelandet. Nach Salman Rushdie, Amos Oz und Jorge Semprùnd war sie heuer Ehrengast bei Literatur im Nebel. Täglich zu Mittag zogen Nebel auf: Heidenreichsteins Literaturfest hält, was es verspricht. Zwei Tage lang wird das vielfältige Werk der Künstlerin gefeiert, vorgelesen, debattiert.

"Romane", sagte die ebenso humorvolle wie hinterlistige Atwood in einem der Bühnengespräche, "sind wie Marathon. Kurzgeschichten wie ein Sprint. Und Gedichte wie Stabhochsprung." Von Bettina Hering in kluge Themenblöcke zusammengefasst, wurde zwei Tage lang von Schauspielerinnen und Schauspielern sowie von jungen österreichischen Autorenkollegen in Heidenreichsteins Mehrzweck-"Margithalle" Marathon gelaufen, gesprintet und stabhochgesprungen. Für Letzteres wurde die große Elisabeth Orth von Margaret Atwood gerührt umarmt. Corinna Harfouch war für die Lesung eigens aus Berlin angereist, Markus Hering und Dirk Stermann hatten ihre Dreharbeiten unterbrochen, Burgchef Matthias Hartmann seine "MacBeth" -Proben. Andrea Clausen, Sylvia Haider, Bibiane Zeller, Falk Rockstroh: Sie alle erhielten als Honorar - ein Bäumchen im Literaturwald von Heidenreichstein.

"Als die Menschen nach 80. 000 Generationen die Landwirtschaft erfanden, war Kunst schon längst fester Bestandteil ihres Lebens. Vor allem die Erzählkunst verschaffte der Spezies Mensch einen evolutionären Vorsprung: Wenn man sagen konnte, dass man ein Krokodil beobachtet hatte und man dort besser nicht baden gehen sollte."

Aufgewachsen als Tochter eines Insektenforschers in der kanadischen Wildnis, ohne Strom und Fließwasser, hatte sie sich mit fünf mithilfe ihres Bruders das Lesen beigebracht und mit sechs Jahren ihr erstes eigenes Buch gemacht: Papierseiten zusammengenäht, mit Zeichnungen und selbstverfassten Gedichten versehen.

Am Montag besuchte Margaret Atwood noch Heidenreichsteins Volksschule, Dirk Stermann las aus Rotznase Ramsey und die röhrenden Radieschen. Und antwortete auf die Frage eines Kindes, was sie im nächsten Leben anders machen würde: "Ich wäre größer". (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 20.10.2009)

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    Margaret Atwood

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