"Ich war das einzige Mädchen"

19. Oktober 2009, 11:58
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Atwood als Stargast bei "Literatur im Nebel" - Feministische Autorin distanziert sich von Selbsthilfebüchern, nimmt das Thema Selbstermächtigung aber sehr ernst

Heidenreichstein - Eine Prominenz aus der internationalen SchriftstellerInnenszene - bisher Salman Rushdie, Amos Oz, Jorge Semprun - und heimische Persönlichkeiten, die dem Gast ihre Reverenz erweist: Dieses Erfolgsrezept des Festivals "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein schien sich auch im vierten Jahr zu bewähren. Im Mittelpunkt stand diesmal die kanadische Autorin Margaret Atwood. Das Festival geht auf eine Initiative von Rudolf Scholten (Kontrollbank), Schriftsteller Robert Schindel und Bürgermeister Johann Pichler (S) zurück.

An "Selbstermächtigung" interessiert

Den Lesereigen, der unter dem Motto "Penelopiade - von Heldinnen und Suchenden" stand, eröffnete Birgit Minichmayr mit einem Auszug aus dem autobiografischen Roman "Moralische Unordnung" von Atwood. Im anschließenden Gespräch mit Katja Gasser erklärte Atwood, "nicht gut im Schreiben von Selbsthilfebüchern" zu sein. Doch "Selbstermächtigung" sei ein sehr altes Thema, habe mit Selbstbewusstsein und Selbstverständnis zu tun. Bei Mythen wie Penelope - vor vier Jahren Zentralfigur in einem Atwood-Roman - finde sie jene Geschichten interessant, die in der Überlieferung "ausgelassen" worden seien. Romane, die keine Konflikte thematisieren, verglich sie mit einem Unbekannten, der einem unaufgefordert Familienfotos zeigen wolle. "Es ist aber nicht meine Aufgabe als Autorin, zornig zu sein", so Atwood, "mein Job ist es, zu schreiben."

Feminismusverständnis

Kanada sei in den 1969er Jahren nicht so "freudianisiert" gewesen wie die USA, berichtete Atwood, die ihre damalige Auffassung von Feminismus nicht als Dogma oder Ideologie, sondern als Auseinandersetzung mit herrschenden Frauenbildern in den Medien beschrieb. Oft werde sie gefragt, ob sie Feministin sei. Die Antwort hänge von der fragenden Person und ihrem Feminismusverständnis ab, meinte Atwood, und sie sei mittlerweile auch nicht mehr sicher, was der Begriff bedeute, fügte sie leicht ironisch hinzu: Gehe es darum, ob Frauen Seele oder Vernunft besitzen, ob sie lesen dürfen, studieren, arbeiten, über ihr eigenes Bankkonto verfügen, Make-up oder Tattoos verwenden? Sie wolle auch keine Leitfigur sein, darin liege zu viel Verantwortung, erklärte Atwood. Sie sage immer: "Macht nicht das, was ich getan habe, sondern was ihr tun wollt."

"Anwältin der Frauen"

Als weitere Vorlesende fungierten Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann, Sylvia Haider, Bibiana Zeller, Verena Roßbacher, Thomas Stangl und Corinna Harfouch mit einem abwechslungsreichen Atwood-Potpourri. Die Schriftstellerin Margit Schreiner steuerte profunde Betrachtungen über die berühmte Kollegin bei und hob unter anderem die Bedeutung der "Listigkeit" im Werk Atwoods, die sie als Anwältin der Frauen bezeichnete, hervor.

Margaret Atwoods Werke ("Der blinde Mörder", "Der Report der Magd" u.v.a.) wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Die 69-Jährige ist bekannt als Lyrikerin, Kritikerin, Feministin sowie Umwelt- und Gesellschaftsaktivistin.

Sonntäglicher Lesereigen

Am Sonntag war Atwood dann ein zweites Mal auf dem Podium gemeinsam mit neuen Gästen zu hören. Einleitend lasen Andrea Clausen und Falk Rockstroh aus dem Roman "Die Unmöglichkeit der Nähe", später Gerti Drassl und Nicola Kirsch aus "Katzenzungen", Elisabeth Orth aus dem Lyrikband "Ein Morgen im verbrannten Haus" sowie Götz Spielmann, Markus Hering und Atwood selbst aus dem jüngst erschienenen Buch "Das Jahr der Flut", in dem ein pessimistisches Zukunftsszenario entworfen wird.

Spannender und amüsanter Höhepunkt des Nachmittags war allerdings einmal mehr das Podiumsgespräch. Als GesprächspartnerInnen fungierten diesmal Andrea Schurian ("Der Standard") und Kabarettist Dirk Stermann ("fühle mich total überfordert"), die mit Atwood über die literarischen Formen und die politische Dimension ihres Werks zu diskutieren vorhatten. Atwood begann auf Deutsch: "Ich freue mich sehr, hier bei Ihnen im Waldviertel zu Gast sein zu dürfen." Stermann: "Sie sprechen viel besser deutsch als viele Politiker bei uns."

"Ich war das einzige Mädchen"

Über ihre Jugend in der kanadischen Wildnis erzählte Atwood: "Ich wuchs in einer Familie von Männern auf. Auch meine Mutter war einer. Ich war das einzige Mädchen." Als sie stricken lernen wollte, sei sie von ihrer Mutter nach dem Warum gefragt worden. Mit fünf Jahren habe sie zu lesen und zu schreiben begonnen. Ob Kunst aus Langeweile entstehe, wollte Stermann wissen. Die Antwort: "Nicht nur. Malen und erzählen können schon Kinder, das hat uns die Evolution mitgegeben." Atwood über das apokalyptische "Jahr der Flut" und auf Stermanns Frage "Lohnt es sich noch, nach Hause zu gehen?": "Das kommt darauf an, wie weit Sie es nach Hause haben. Aber es ist ja nur ein Buch. Die Zukunft kann man nicht vorhersagen, nur Tendenzen."

Schurian: "Wissen Sie, wenn Sie zu schreiben beginnen, wie es ausgehen wird?" Atwood: "Ich denke, ich weiß es, aber oft täusche ich mich. Das Schwierigste ist aber die Mitte, denn da wissen die Leser schon, worum es geht." Wer wissen wolle, wie man monatelang aus einem kleinen Koffer leben kann, dem gebe sie gerne Tipps, so Atwood, die sich noch bis 9. Dezember auf Lesereise befindet. Tipp Nummer eins: "Nehmen Sie immer Müsliriegel mit!" (APA)

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    Andrea Schurian, Dirk Stermann, die kanadische Autorin Margaret Atwood und Isolde Schmitt (v.l.n.r.) in Heidenreichstein.

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