Yunus sieht nächste Krise bereits kommen

19. Oktober 2009, 10:57
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Der "Vater der Mikrokredite" und Friedensnobelpreisträger prangert den Reform-Mangel im Bankensektor an: "Welt hat eine goldene Gelegenheit verpasst"

Erst vor rund einer Woche bemerkte der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001, Joseph Stiglitz, bei einem Besuch in Wien, dass man "aus der Krise nichts gelernt" habe und bei der Bekämpfung der Wirtschafts- und Finanzkrise viel falsch gemacht worden sei. 

"Goldene Gelegenheit verpasst"

Nun prangert auch Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger von 2006, den Mangel grundlegender Reformen im Bankensektor infolge der Finanzkrise an. Die Welt habe eine goldene Gelegenheit verpasst, den Ärmsten der Armen durch einen Umbau des Finanzsystems nach der Krise zu helfen, kritisierte Yunus, der "Vater der Mikrokredite" im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. "Die nächste Krise wird nicht auf sich wartenlassen, weil bestehende Mängel nicht beseitigt wurden", warnte der 69-Jährige. Yunus, der mit seiner Grameen-Bank den Nobelpreis erhielt, ist ein entschiedener Kritiker des derzeitigen Finanz- und Bankenwesens, das seiner Ansicht nach Menschen willentlich ausschließt.

Yunus plädiert für ein gerechteres, integrativeres weltweites Bankwesen - ein System, das auch den Armen Kredite bewilligt, obwohl diese keine großen Sicherheiten anzubieten haben. Dazu sei ein System-Umbau nötig, sagte Yunus. "Jeder Mensch auf der Welt hätte dann einen unkomplizierten Zugang zu diesem System." Seine Grameen-Bank habe bewiesen, dass dies möglich sei.

"Es muss stärker um soziale Belange gehen"

Yunus hat mit einem Mini-Kredit von 27 Dollar (18,2 Euro) an eine Gruppe von Dorfbewohnerinnen aus Bangladesch im Jahr 1976 mit der Grameen-Bank bis heute ein milliardenschweres Mikrokreditsystem aufgebaut. Abgesehen von einem gerechteren Bankwesen müsse sichergestellt werden, dass Steuerzahler nie wieder für die Fehler der Banken geradestehen müssten, forderte der Bank-Experte.

In der Geschäftswelt müsse es künftig stärker um soziale Belange gehen als bisher, verlangte Yunus. Die blinde Jagd nach mehr Profit dürfe nicht mehr im Zentrum stehen. Yunus verteidigte zugleich seine Mikrofinanz-Prinzipien, die einige Kritiker wegen der hohen Zinsen unter Beschuss genommen hatten. Ihrer Ansicht nach können die Kreditnehmer dadurch in eine regelrechte Verschuldungsspirale geraten. Yunus betonte, der Begriff Mikrokredit sei zu einem Modewort geworden, nicht immer sei mit etwas, das so genannt würde, auch tatsächlich ein echter Mikrokredit gemeint.  (APA/red)

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    Muhammad Yunus: Schluss mit der "blinden Jagd nach mehr Profit".

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