Keine Kinderjause

18. Oktober 2009, 18:11
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Wenn es darum geht, gesellschaftliche Anerkennung in menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und auf den Gehaltszetteln zum Ausdruck zu bringen, ist Schluss

Wenn mehr als 2000 Kindergartenpädagoginnen in Wien auf die Straße gehen, um für bessere Rahmenbedingungen zu demonstrieren, dann ist das nicht nichts. Im Sommer kamen zu einer ähnlichen Veranstaltung gerade einmal 200. Die Wut über die schlechten Arbeitsbedingungen muss bereits riesig sein, wenn eine Berufsgruppe, die bisher Selbstausbeutung scheinbar als Teil ihrer Job- Description betrachtet hat, plötzlich laut Forderungen stellt.

Darüber, dass Kindergärten die erste Bildungseinrichtung sind, herrscht (gesellschafts-)politischer Konsens. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Einführung des verpflichtenden letzten Kindergartenjahres. Wenn es jedoch darum geht, gesellschaftliche Anerkennung auch in menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und auf den Gehaltszetteln zum Ausdruck zu bringen, ist Schluss. Die Realität heißt nämlich bis zu 25 Kinder pro Pädagogin - und das um 1700 Euro netto nach 20 Dienstjahren. Kein Wunder, dass schon jetzt nur noch jede dritte Absolventin überhaupt in den Beruf geht.

Als erster Schritt wird kein Weg an einem einheitlichen Bundesrahmengesetz vorbeiführen, in dem die Gruppengrößen ebenso festgelegt werden wie die Bezahlung der Pädagoginnen. Dazu müssen Bund und Länder schlicht Geld in die Hand nehmen, denn Bildungspolitik hört nicht bei pädagogischen Konzepten auf. Um diese umzusetzen, braucht man nicht nur gut ausgebildete, sondern auch gut bezahlte Leute. Sonst sind immer weniger bereit, im Kindergarten zu arbeiten - und das wird garantiert keine Kinderjause. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009)

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