Das Trugbild vom immerwährenden Frieden

18. Oktober 2009, 19:15
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Über Europas neue Barrieren als latentes Kriegspotenzial: Auszüge aus der Dankesrede von Claudio Magris, dem am Sonntag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde

Nie werde ich die Rede eines alten Politikers aus Nordvietnam vergessen, die ich vor vielen Jahren, während des Kriegs in seinem Land, zufällig im französischen Fernsehen gesehen habe. Für die Menschen seines Alters, sagte er in sanft-melancholischem Ton, sei das Leben fast identisch geworden mit dem Krieg, der seit so vielen Jahrzehnten in seinem Heimatland wüte und auch in diesem Moment noch in Gang sei. Und die heimtückischste Gefahr für uns ist, fügte er hinzu, dass wir uns daran gewöhnen, den Krieg als etwas so Notwendiges wie Leben und Atmen anzusehen, und nicht mehr fähig sind, uns ein Dasein ohne Krieg vorzustellen.

Eine weitere Gefährdung des realen Friedens lauert in der biederen Überzeugung, dass der Fortschritt bereits verwirklicht wurde, dass die Zivilisation die Barbarei besiegt habe und dass der Krieg, zumindest in unserer Welt, ausgerottet sei - so wie das Gelbfieber oder die Pocken durch die Impfung. Von Krieg wird nicht gesprochen, selbst wenn es ihn gibt; er wird nicht erklärt, selbst wenn man Bomben wirft.

Als die Nato - und damit auch Italien - Belgrad und Serbien bombardierte, brachten die italienischen Zeitungen, die den Abzug des italienischen Botschafters aus Belgrad meldeten, gleichzeitig die Sorge zum Ausdruck, dass eine solche Maßnahme die guten Beziehungen mit Serbien beeinträchtigen könnte. Diese Angst, der Realität ins Gesicht zu sehen - in diesem Fall dem Krieg -, verhilft dem Grauen, das man nicht sehen will, sich auszubreiten, so wie ein Krebsgeschwür, das der Kranke nicht wahrhaben will.

Der Dritte Weltkrieg hat stattgefunden, auch wenn die meisten Europäer das Glück hatten, nicht den Blutzoll zahlen zu müssen. Ungefähr zwanzig Millionen Tote nach 1945 - die, im Unterschied zu denen des Zweiten Weltkriegs, so gut wie unbekannt geblieben und einem brutalen Vergessen anheim gegeben sind. Wir wiegen uns in der Illusion, ohne Krieg zu leben, weil der Rhein keine von Hunderttausenden von Soldaten umkämpfte Grenze mehr ist, oder weil auf dem Karst hinter Triest nicht mehr diese Grenze verläuft, die der unüberwindbare Eiserne Vorhang war. Heute ist diese Grenze nicht aufgehoben, sondern nur verschoben, um einen anderen, noch östlicheren Osten auszuschließen. Eine Grenze, die nicht als Durchgang, sondern als Mauer, als Bollwerk gegen die Barbaren, erlebt wird, bildet ein latentes Kriegspotenzial.

Heute sind es andere Grenzen, die den Frieden bedrohen, bisweilen unsichtbare Grenzen im Inneren unserer Städte, zwischen uns und den Neuankömmlingen aus allen Teilen der Welt. Nicht nur an den italienischen Küsten landen Flüchtlinge, die man für räuberische Piraten hält. Die Reaktionen auf eine solche mit einer Invasion verwechselte Exilsuche sind hysterisch und symptomatisch in ihrer Brutalität.

Der Krieg hat viele Gesichter

Der neue Populismus, der heutzutage mehr oder weniger überall in Europa umgeht, schafft, wie ein Historiker schrieb, Demokratien ohne Demokratie. Er ist eine Gefahr für die Demokratie und für den Frieden - jede Bedrohung der Demokratie ist eine Gefahr für den Frieden, ganz gleich, in welcher Form sie auftritt - auch wenn er nichts mit dem klassischen Faschismus zu tun hat: ein Terminus, der in diesem Fall so unangebracht ist wie ein alberner Refrain.

Dieser Populismus ist eine schwammige gesamtgesellschaftliche Erscheinung, welche die unverbrüchlichen Grundwerte, jedes Gefühl für Recht und Unrecht, jeden Bezug zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem Gemeinwohl aufgibt. Ein Gefühl, das zwar nicht ausreicht, aber das zu haben notwendig ist, um wenigstens hoffen zu können, dass man Gerechtigkeit schafft und damit Frieden.

Ohne Gerechtigkeit ist kein Frieden möglich. Die wachsende Unduldsamkeit gegenüber dem Gesetz, das die Straftaten verfolgt, und die Beschneidung der Justiz, die sie verfolgt, bringen den düsteren Traum von einem Leben ohne Gesetz oder mit so wenig Gesetz wie möglich zum Ausdruck, also von einem Dschungel, einem Zustand von "bellum omnium contra omnes", jeder gegen jeden, in dem die Starken auf wenig Widerstand stoßen, wenn es darum geht, die Schwachen zu unterdrücken. Der Philosophieprofessor Toni Negri, dessen pseudorevolutionäre Elaborate allem Anschein nach die Roten Brigaden beeinflusst haben, unter deren idiotischen, reaktionären Schüssen viele Vertreter des besseren Italien gefallen sind - jenes offeneren und einer freieren Gesellschaft zugewandten Italien -, hat in einem TV-Interview vom 3. Mai 2003, das zwei Tage später im Corriere della sera erschienen ist, öffentlich seine Solidarität mit Berlusconi erklärt, da sie beide von der Justiz verfolgt würden.

Doch solche Erörterungen laufen Gefahr, rein moralisch zu werden, als ob die Kriegsbedrohungen allein von der Unwürdigkeit einiger oder auch zahlreicher Personen abhingen. Der Krieg liegt in der Luft als Drohung oder als objektive Realität. Wir sitzen - wir freilich noch recht bequem - am Rande eines Vulkans mit dem Gefühl, dass er jeden Augenblick glühende Lavamassen ausspeien könnte und dass die Welt, wie ein jüdisches Sprichwort sagt, zerstört werden könnte zwischen dem Abend und dem Morgen. Die Weltordnung, derer wir uns erfreuen, beruht großteils auf der Unordnung, auf einer "Arglist", wie Michael Kohlhaas sagen würde. Es ist leicht und auch angebracht, die Unmenschlichkeit derjenigen zu kritisieren, die die Einwanderer zurückweisen. Aber es könnte der Moment kommen, in dem die Anzahl unserer Mitmenschen, die mit Recht ihren unerträglichen Lebensumständen entfliehen wollen, derart zunimmt, dass sie buchstäblich keinen Platz mehr finden und damit untragbare Konflikte auslösen, in unvorhersehbaren Formen, die ebenfalls ganz anders sind als das, was wir traditionsgemäß Krieg nennen.

Schmerzliche Zerrissenheit

Dieser ist dabei, viele Gesichter anzunehmen; er schleicht sich ein und tarnt sich in den verschiedensten Erscheinungsformen. Da sind nicht nur das Blutbad in Biafra, der 11. September in New York oder die Tonnen von Methylisocyanat in Bhopal, die noch mehr Tote gefordert haben. Krieg ist auch der Handel mit Organen von Kindern, die zu diesem Zweck getötet werden, er ist die ununterbrochene Kette von Menschen, die die Mafia ermordet, um ihren Umsatz als multinationaler Großkonzern zu schützen. Heute ist der Krieg "Endless", wie der Titel des Meisterwerks von Qiao Liang und Wang Xiangsui heißt, ein wahrer Clausewitz des 20. Jahrhunderts.

Angesichts der weltweiten Dimensionen solcher möglichen Katastrophen erscheint die gegenwärtige Schwäche und Zerrissenheit Europas doppelt schmerzlich und schuldhaft.

Auf Europa wartet die große und schwierige Aufgabe, sich den neuen Kulturen der neuen Europäer aus der ganzen Welt zu öffnen, die es durch ihre Mannigfaltigkeit bereichern. Es wird darum gehen, uns selbst in Frage zu stellen und offen zu werden für den größtmöglichen Dialog mit anderen Wertsystemen, dabei jedoch Grenzen um ein winziges, aber präzises und nicht mehr verhandelbares Quantum an Werten zu ziehen, an für immer erworbenen und als absolut anzusehenden Werten, die nicht mehr zur Diskussion gestellt werden: wenige, aber eindeutige Werte, wie zum Beispiel die rechtliche Gleichstellung aller Bürger, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Volkszugehörigkeit. Doch solange Europa noch eine Parallelaktion ist, wird unsere Realität wie die Musils "in der Luft stehen". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2009)

 

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    Besorgt über den Vormarsch des Populismus und Europas "brutale" Abschottungspolitik: Claudio Magris in Frankfurt.

    Zur Person:
    Claudio Magris (70), Schriftsteller, Essayist und Übersetzer, lebt in Triest; 2002 gründete der Preisträger zusammen mit Umberto Eco u. a. die Vereinigung "Freiheit und Gerechtigkeit", die sich kritisch mit der Politik von Ministerpräsident Berlusconi auseinandersetzt.

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