Nichts als Worte, aber mehr als nur Worte

21. Oktober 2009, 15:16
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John Ralston Saul, US-Autor und kritischer Humanist mit Talent zur Spitze, wird P.E.N.-Club-Präsident - Internationale Konferenz und das Festival "Free the Word!" in Linz

Linz - Die europäische Kulturhauptstadt ist heuer Austragungsort des internationalen P.E.N.-Club-Kongresses, der seit Montag im Design Center tagt. Mit dem Motto "Words, words, nothing but words" will man auf die gesellschaftliche Relevanz der Literatur verweisen.

Gestern, Mittwoch, wählten die Delegierten einen neuen P.E.N.-Club-Präsidenten: Als Nachfolger Jiøí Grušas wurde der kanadische Autor John Ralston Saul bestimmt. Die Übergabe des Vorsitzes findet heute, Donnerstag, im Rahmen des Literaturfestivals Free the Word! statt. Im Zentrum der erstmals außerhalb von London ausgetragenen Veranstaltung steht das literarische Schaffen im sozialen Kontext. Linz bildet den Auftakt für eine Reihe internationaler Events, die im Frühjahr 2010 in London ihren Abschluss finden werden.

In und um Linz gibt es bis Sonntag Lesungen, Workshops und Vorträge, Jiøi Gruša wird über Adalbert Stifter sprechen. Debattiert werden die Bezüge zwischen japanischen Comics, den Mangas, und Literatur, sowie die Situation der Schriftsteller in China. Der kleine Asien-Schwerpunkt ist ein Verweis auf den Kongress 2010, der in Tokio stattfinden wird.

Kritischer Humanist mit Talent zur Spitze

Die kanadische Ausgabe des Magazins Time stellte ihn in eine Reihe mit den großen Philosophen des Landes, Marshall McLuhan, Northrop Frye und Charles Taylor. Tatsächlich gelten die Werke von John Ralston Saul, der am Mittwoch zum neuen Präsidenten des P.E.N.-Clubs gewählt wurde, als gewichtige Beiträge zu Diskussionen, die die Rolle des Individuums im sozialen Gefüge, Bürgerrechte und das gesellschaftliche Allgemeingut beleuchten. In seiner 1995 gehaltenen Vortragsreihe The Unconscious Civilization thematisierte der nun 62-Jährige die Beeinträchtigung des individuellen Lebensentwurfs durch Großunternehmen, deren Interessen jene der Gesellschaft überlagern würden. Die im Rahmen der renommierten Massey Lectures präsentierten Thesen waren zugleich der Abschluss einer philosophischen Trilogie, die sich der westlichen Diktatur der Vernunft und ihrem Vokabular widmete (Voltaire's Bastards und The Doubter's Companion).

Großunternehmen kennt der 1947 in Ottawa geborene Sohn eines Armeeoffiziers von innen. Nach dem Studium an der Universität von Montreal und am Londoner King's College arbeitete er in einer Investmentfirma und baute die staatliche Ölgesellschaft Petro-Canada mit auf. Danach widmete er sich ganz dem Schreiben und landete bereits mit seinem Debütroman Birds of Prey einen Bestseller. 1990 erhielt er den italienischen Premio Letterario Internazionale, seine Werke wurden bis heute in 22 Sprachen übersetzt.

Den Erfolg verdankt Ralston Saul seiner leichtfüßigen wie spitzen Schreibe sowie der Thematisierung aktueller gesellschaftlicher Themen. Als er an On Equilibrium arbeitetete, in dem er die moralische Balance der Gesellschaft diskutiert, krachten zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin Towers. Gegen George Bush und seine Kriegspropaganda hielt er sich in der Folge verbal kaum zurück.

Schon 2005 warnte er vor einer Weltwirtschaftskrise. Sollte der globale Kurs nicht korrigiert werden, bliebe am Ende wenig Spielraum zur Schadensbegrenzung. Seine gesellschaftspolitische Position überzeugte nun auch die Delegierten des Internationalen P.E.N.-Clubs. Heute, Donnerstag, wird Ralston Saul angelobt, wenn Bundespräsident Heinz Fischer das dem Kongress angeschlossene Festival "Free the Word!" eröffnet. Der diplomatische Umgang ist dem Kanadier dabei nicht fremd, war seine Gattin Adrienne Clarkson doch sechs Jahre lang Generalgouverneurin von Kanada und damit Vertreterin der britischen Queen als Staatsoberhaupt. (Wolfgang Schmutz / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.10.2009)

 

  • Kritischer Humanist mit Talent zur Spitze, Kopf des Tages: John Ralston Saul ist neuer P.E.N.-Club-Präsident.
    foto: picturedesk

    Kritischer Humanist mit Talent zur Spitze, 
    Kopf des Tages: John Ralston Saul
    ist neuer P.E.N.-Club-Präsident.

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