Mitten im Zwanzigsten

18. Oktober 2009, 18:35
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Die unterhaltsame Soap "Jägerstraße" im neuen Vindobona

Wien - Albert Schmidleitner, Geschäftsführer des Kabaretts Simpl, ging ein Wagnis ein, das Respekt verdient: Er nahm viel Geld in die Hand, um die Ruine Vindobona am Beginn der Jägerstraße zu einem gediegenen Theater umzubauen. Und er bespielt es ab nun mit einer "Grätzl-Soap", die die Ausländerfeindlichkeit nicht schürt, dieser vielmehr entgegenwirkt.

Auch wenn das neue Vindobona als Kabarett - "für Hiesige und Zuagraaste" - bezeichnet wird: Mit der turbulenten Szenenfolge Jägerstraße gelingt Johannes Glück, dem Autor und Regisseur, zeitgenössisches Volkstheater, das man im hochsubventionierten Rabenhof oft schmerzlich vermisst.

Und er führt dem ORF eindrucksvoll vor Augen, was dessen gesellschaftspolitische Aufgabe gewesen wäre: das Interesse nicht auf ein paar Bobos Mitten im Achten zu lenken, sondern auf das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen - beispielsweise rund um den Hannovermarkt in der Brigittenau. In Jägerstraße sind Menschen mit Migrationshintergrund nicht, wie in der legendären Serie Kaisermühlen Blues, bloß Staffage: Sie stehen im Zentrum.

In der ersten Folge Ein Schock fürs Leben - die offizielle Premiere fand am Samstag statt - lässt Johannes Glück die Studentin Aline eine Wohnung in der Jägerstaße mieten. Und sogleich stößt die Tochter aus gutem Hause auf Türken, Serben und Asiaten. Diese entsprechen zwar zumeist den Klischees: Der Automechaniker verwendet gestohlene Ersatzteile, der Rauschgiftdealer ist ein Schwarzer.

Aber die Nachbarn sind hilfsbereit, freundlich, gesellig: Aline verliebt sich in den äußerst sympathisch gezeichneten Sprayer Angelo, der im Wiener Dialekt rappt. Und jeder identifiziert sich mit dem Grätzl: Die "Ausländer" sind die wahren Patrioten. Für den türkischen Gemüsehändler zum Beispiel ist die Aushilfskraft aus dem Ruhrgebiet, die Karfiol und Erdäpfel nicht kennt, die "Ausländerin".

Die "echten" Wiener hingegen sind - abgesehen von Aline - borniert, verrückt und schnöselig: Johannes Glück hält ihnen mit viel Witz, der auch tief sein kann, den Spiegel vor. Und ihm steht ein hervorragendes Ensemble (u. a. Özaydin Akbaba, Vincent Bueno, Alev Irmak, Ivana Nikolic) zur Verfügung. Da der Ausgang der vielen Geschichten offenbleibt, freut man sich schon auf Teil zwei. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2009)

 

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