Ziegelhersteller sind abwanderungsgefährdet

18. Oktober 2009, 17:57
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Im Gegensatz zu anderen energieintensiven Branchen sollen die Ziegelproduzenten kein CO2-Gratiskontingent bekommen

Brüssel/Wien - Die Verteilung der CO2-Zertifikate für die Industrie ab dem Jahr 2013 ist derzeit Gegenstand von heftigem Lobbyismus. Vor allem die Ziegelindustrie, aber auch Gießereien und Schmieden sind gar nicht zufrieden damit, dass sie künftig keine EU-Gratiszertifikate mehr bekommen sollen. "Wir werden nachweisen, dass wir ebenfalls von Carbon Leakage betroffen sind", kündigt Carl Henrich vom Fachverband der Stein- und keramischen Industrie an. Mit Studien wird nun zu untermauern versucht, dass die Ziegelindustrie ebenso wie andere energieintensive Branchen des Emissionshandelssystem scharf im internationalen Wettbewerb steht.

Carbon Leakage: Darunter wird die Befürchtung verstanden, dass EU-Unternehmen unter Druck kommen, wenn die ausländische Konkurrenz, die ihre Produkte ohne Klimaschutz-Auflagen herstellen kann, den europäischen Markt preislich unterwandert. Produktionsverlagerungen europäischer Firmen ins Ausland wären die Folge, wird befürchtet.

Um einem solchen Abwanderungsdruck vorzubeugen, hat sich die Kommission, genau genommen die Generaldirektion Umwelt, etwas ausgedacht, das die Unternehmen dazu animieren soll, möglichst Treibhausgas-schonend zu produzieren - und trotzdem preislich konkurrenzfähig zu bleiben. Ab der nächsten Phase des Emissionshandelssystem, das ab 2013 bis 2020 gilt, sollen die betroffenen Firmen Gratiszuteilungen erhalten, aber nur, "wenn sie besonders CO2-effizient produzieren", erklärt Axel Steinsberg von der Wirtschaftskammer. Bis zum Jahresende sollen Benchmarks definiert werden, also ein Schlüssel, der angibt, wie viel Produktionseinheit mit wie viel Kohlendioxid-Ausstoß hergestellt wird. Unterschreitet ein Unternehmen, diesen Schlüssel, erhält es Gratiszuteilungen an CO2-Verschmutzungszertifikaten.

"Carbon-Leakage"-Systeme

164 von insgesamt 258 Sektoren fallen unter dieses "Carbon-Leakage"-System, so der zuständige Experten in der Industriellenvereinigung, Dieter Drexel. Österreichische Unternehmen, etwa im Stahlsektor, hätten gute Chancen, unter die Gratiszuteilung zu fallen, da sie häufig mit jüngsten Technologien und emissionsschonend produzierten. Ausgenommen von "Carbon Leakage" ist die Stromerzeugung, die von vorneherein 100 Prozent ihrer Emissionsrechte ersteigern muss.

Inzwischen laufen die Vorbereitungen zum Kopenhagener Klimagipfel im Dezember auf Hochtouren. Eine Einigung halten Großbritannien und die USA für möglich, sagte der US-Chefunterhändler Todd Stern am London. Es gebe Grund zur Hoffnung, sagte auch der britische Energie- und Klimaschutzminister David Milliband. So habe Indonesien beschlossen, den Ausstoß klimaschädlicher Stoffe bis 2020 um ein Viertel unter das gegenwärtige Niveau zu senken. China will das Wachstum seines Schadstoffausstoßes verringern, und die neue japanische Regierung hat sich ehrgeizigere Klimaziele als ihre Vorgängerin gesetzt.

Miliband verwies allerdings darauf, das zwei große Hindernisse noch nicht aus dem Weg geräumt seien: So fehlten Zielvereinbarungen für große Emittenten wie die USA und auch die Finanzhilfen für die Entwicklungsländer müssten noch vereinbart werden.

Laut einer am Wochenende von der Umweltorganisation WWF vorgelegten Studie bleibt der Welt nur mehr fünf Jahre Zeit, um den Temperaturanstieg auf einem Level von unter zwei Grad zu halten. Eine Umstellung verlange anhaltendes Wachstum von sauberer und effizienter Industrie im Bereich von mehr als 20 Prozent jährlich über mehrere Jahrzehnte, so der WWF. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009)

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    Die Ziegelindustrie pocht auf Gratiszuteilungen an CO2-Zertifikaten, auch nach 2013.

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