"Sollen wir unseren Beziehungsstatus ändern?"

18. Oktober 2009, 17:28
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Soziale Netzwerke machen glücklich, sind aber wie McDonald's und schlechtes Fernsehen - Eine Polemik für weniger Kommunikation

Da saß sie, nachdenklich, wunderschön, Augen blau wie Gletscherzungen, und schlürfte ihren Café Latte. Sie war eine alte Studienkollegin aus Tirol, nennen wir sie Anna. Wir saßen in einem jener Cafés - Wiener Innenstadtbezirk -, in denen Gast und Laptop eine weitgehend verschmolzene Lebensform sind, und sie erzählte mir von ihrem Freund aus Island, der nun sicherlich der richtige sei, nur eben in Island.

Björn, der Isländer, war zwei Jahre jünger als sie. Er war sozusagen mit Facebook aufgewachsen. Und als es ernst wurde zwischen den beiden, fragte er nicht "Willst du mit mir gehen". Er schenkte ihr auch keinen Ring oder wenigstens Blumen, nur die Worte: "Sollen wir unseren Beziehungsstatus ändern?" Natürlich auf Facebook. "Schon komisch", sagte Anna zu mir. Aber natürlich habe sie ihren Beziehungsstatus geändert, sie sei ja verliebt.

"Auf welchem Planeten lebst du"

Diese transatlantische Beziehung (Island-Innsbruck) ist typisch für unsere Generation, die ihre Intimsphäre ins Internet verfrachtet hat. So wie fast jeder von uns unverdrossen sein Leben ins Internet stellt, stülpt sich das soziale Netzwerk in unser Leben. "Auf welchem Planeten lebst du", fragte mich jüngst eine Bekannte, als ich ihr sagte, ich sei nicht auf Facebook.

Und ja, ich kenne alle Argumente: Man pflegt Kontakt zu Menschen, die man früher aus den Augen verloren hätte; man behält den Überblick, was die anderen machen; und liebgewonnene Freunde aus Auslandssemestern und Urlauben bleiben einem ganz nahe.

Ob Facebook gut und sinnvoll sei? Darauf wollen sich die Menschen, mit denen ich rede, gar nicht festlegen. Dass man da einfach "dabei sein muss", steht aber außer Zweifel. Das sei wie früher mit Handys, erklärt man mir. Wer keines hat, bleibt vom Kommunikationsweg ausgeschlossen.

Thesen eines Ketzers

Aber vielleicht ein paar Thesen von einem, der sich der konstanten Kommunikation verweigert. (Während Martin Luther seine Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg schlug und Werner Faymann seine zumindest noch ans Tor des Wiener Rathauses, klopfe ich meine hier in den Online-Standard. Frei nach Andreas Khol: Das Medium ist eine Tochter der Zeit.)

1. Wenn Neil Postman in den 80er Jahren über das Fernsehen postulierte "Wir amüsieren uns zu Tode", dann gilt heute für Facebook: "Wir kommunizieren uns zu Tode".

2. Man kann in einem 3-minütigen Gespräch mit jemandem mehr über ihn herausfinden als in 3 Stunden auf Facebook.

3. Facebook und Co. sind der perfide Triumph des Exhibitionismus über den Datenschutz.

4. "Die Menschheit sendet global, aber denkt noch immer lokal." (© "Süddeutsche Zeitung") Viele User wissen nicht, was sie tun, doch sie tun es, und zwar unentwegt und für alle Welt sichtbar.

5. Facebook hat mit Freundschaft so viel zu tun wie McDonald's mit nahrhaftem Essen oder "Germany's Next Topmodel" mit Feminismus.

Freundschaft ohne Pflichten

Aber gut, man weiß ja: Fragen baut Vorurteile ab. Und so höre ich mich um im Freundeskreis, den ich mir als digitaler Kulturbarbar in mühevoller Handarbeit noch auf analogem Wege zu erhalten versuche. Eine Freundin berichtet mir von ihrem Auslandssemester in Oslo - und dass sie mit all ihren ehemaligen WG-Kolleginnen über Facebook verbunden sei. "Ich kann zurückschreiben, wann immer ich will." Ein befreundeter Radiomoderator mit 700 Freunden erzählt, er könne nun auch mit Menschen in Kontakt bleiben, deren Handy-Nummer er gar nicht haben wolle. Und jene seiner 700 Freunde, die er nicht so schätzt, "kann ich ja wegblenden".

Es ist gerade das, was stutzig macht: Soziale Netzwerke bieten maximale Nähe bei minimalem Risiko. Man kann die Urlaubspläne des Studienkollegen, das Liebesglück des eigenen Mitbewohners oder die Frisur der Ex-Freundin eruieren, ohne sie danach fragen zu müssen. Man kann alles erfahren und muss die eigene Komfortzone nie verlassen. Persönliche Gespräche, die oft beschwerlich sind und nicht selten scheitern, werden umgangen.

In den 90er Jahren musste man noch selbst herausfinden, was Sache ist: Mit Herzklopfen griff man zum Telefon und stotterte in den Hörer "Und, sag mal, hast du einen Neuen?" Die Kinder der 00er-Generation ersparen sich das: mit Klick, Klick, Klick zur Allwissenheit.

Kommunikations-Placebo für Einsame

Facebook heißt das Kommunikations-Placebo für diese Generation, die alles wissen und nichts mehr riskieren will. Eine Generation, in der jeder viele Freunde hat. Noch so ein Missverständnis, das glücklich macht.

Anna und Björn sind übrigens nicht mehr zusammen. Sie habe um ihre Beziehung gekämpft, erzählt mir Anna vor wenigen Tagen. In Facebook stand unter ihrem Beziehungsstatus noch wochenlang "It's complicated". Mittlerweile hat sie ihn deaktiviert. "Ich verstehe das nicht", sagt sie, "wir haben uns jeden Tag geschrieben." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 18.10.2009)

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    Digitale Beziehungen im Netz: Innsbruck verliebt sich in Island.

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