Teheran fordert von Pakistan Auslieferung von Rebellenchef
Nach dem Anschlag
auf die iranische Revolutionsgarde hat deren Chef die USA und
Großbritannien dafür verantwortlich gemacht und mit Vergeltung
gedroht. "Hinter diesem Vorgang stecken die amerikanischen und
britischen Geheimdienst-Apparate", sagte Mohammad Ali Jafari
am Montag der staatlichen Nachrichtenagentur Isna. "Es wird
Vergeltungsmaßnahmen geben müssen, um sie zu bestrafen."
"Vernichtende Antwort"
Der iranische Geheimdienst habe Dokumente vorgelegt, die
direkte Verbindungen von Jundollah zu den Geheimdiensten der
USA, Großbritanniens und Pakistans bewiesen, erklärte Jafari.
Der Chef der Extremisten, Abdolmalek Rigi, stehe "unzweifelhaft
unter dem Schutz dieser Organisationen". Zuvor hatte der Chef
des Heeres der Garde, Mohammed Pakpur, erklärt, die "Terroristen
und Rebellen" seien von den USA und Großbritannien ausgebildet
worden. Im staatlichen Fernsehen wurde eine Ankündigung der
Revolutionsgarde zitiert, es werde eine "vernichtende Antwort"
auf den Anschlag geben. Der Abgeordnete Pajman Forusesch sagte
Isna, der Gegenschlag könne auch auf pakistanischem Gebiet
erfolgen.
Zuvor hat der Iran von Pakistan die Auslieferung des
Anführers der sunnitischen Rebellengruppe Jundollah verlangt. Die Regierung in
Teheran werde die Auslieferung von Abdolmalek Rigi beantragen, sagte
der Chef der Revolutionsgarden, Mohammed Ali Jafari, am Montag laut
der Nachrichtenagentur Isna. Das iranische Außenministerium hatte den
Geschäftsträger der pakistanischen Botschaft bereits am Sonntag ins
Außenamt zitiert.
London: "Absurd"
Aus London wurde der Vorwurf als absurd
zurückgewiesen. Die EU verurteilte den Anschlag. In einer Erklärung
der schwedischen Ratspräsidentschaft hieß es am Montag aus Stockholm,
die Union bedaure die tragischen Verluste von Menschenleben. Auch die
USA verurteilten die Bluttat.
Der russische Präsident Dmitri Medwedew sicherte dem Iran die
Unterstützung seines Landes im Kampf gegen Terroristen zu. "Der Kampf
gegen die Bedrohung durch Terrorismus und Extremismus verlangt die
Zusammenarbeit aller Länder", sagte Medwedew am Montag in Moskau.
"Wir sind bereit, mit der Islamischen Republik des Iran zu
kooperieren, um diesen Bedrohungen entgegenzutreten." Der russische
Präsident zeigte sich über den Anschlag empört.
Pakistan will bei Aufklärung helfen
Pakistan wies die Vorwürfe der iranischen Regierung zurück, in den
Anschlag auf die Revolutionsgarden verwickelt zu sein.
Ministerpräsident Syed Yusuf Raza Gilani verurteile den
"schrecklichen Terrorakt", teilte sein Büro in Islamabad am Montag
mit. Zuvor hatte schon das Außenministerium den Vorfall verurteilt.
Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad hatte am Wochenende
erklärt, der pakistanische Geheimdienst hätte mit den
verantwortlichen Personen zusammengearbeitet. Der Sender Geo TV
berichtete am Montag, der pakistanische Innenminister Rehman Malik
habe seinem iranischen Amtskollegen Mustafa Muhammed Najjar in einem
Telefonat mitgeteilt, Pakistan werde alles unternehmen, um die
Drahtzieher des Anschlags zu fassen. "Abdolmalik Rigi ist nicht in
Pakistan", betonte Malik demnach.
Die Erkenntnisse über den genauen Hergang des Attentats vom Sonntag waren zunächst nur spärlich vorhanden: Zunächst hieß es, ein Selbstmordattentäter habe sich bei einer Versammlung aus Stammesführern und Revolutionsgarden mit einem Sprengsatz in die Luft gejagt. Dann wieder war von zwei Bomben die Rede, die bei Pishin in der sensiblen Grenzregion zu Afghanistan und Pakistan, Sistan-Balutschistan, detoniert sein sollen.
Fünf hohe Kommandanten unter Opfern
Gesichert ist: 42 Menschen blieben in Pishin tot liegen, darunter Stammesführer und fünf hohe Kommandeure der iranischen Revolutionsgarden. General Nourali Shoushtari, der Chef der Bodentruppen der Garden, ist unter den Toten, ebenso General Mohammadzadeh, der Provinzkommandeur in Sistan-Balutschistan. 26 weitere Menschen wurden verletzt.
Staatliche Medien meldeten, dass eine lokale Rebellengruppe namens Jundollah ("Soldaten Gottes") hinter der Attacke stecke, die kurz vor den heiklen heute, Montag, in Wien beginnenden Atomgesprächen stecke. "Rigis Terrorgruppe hat sich zu dem Anschlag bekannt" , hieß es. Abdolmalek Rigi soll einigen Analysten zufolge mit den militanten Taliban im benachbarten Pakistan zusammenarbeiten.
Laut anderen Quellen soll die Jundollah neben den Taliban mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI kooperieren, der sie als Werkzeug gegen den schiitischen Iran verwende. Und auch ein Konnex zum sunnitischen Terrornetzwerk Al-Kaida wird behauptet. Die meisten Menschen in der Provinz Sitan-Balutschistan sind Sunniten und gehören der Volksgruppe der Balutschen an - wie auch die Mitglieder von Jundollah. Die Regierung in Teheran weist Vorwürfe westlicher Menschenrechtsgruppen zurück, religiöse und ethnische Minderheiten wie die Balutschen zu unterdrücken.
Die in den vergangenen Jahren immer mächtiger gewordene, 125.000 Mann zählende Revolutionsgarde verteidigt mit eigenen Streitkräften die Prinzipien der Islamischen Revolution von 1979. Sie soll nebenbei auch in diverse dunkle Geschäfte verwickelt sein. Sistan-Balutschistan ist als Operations- und Transitgebiet für die Drogenmafia bekannt. (red/DER STANDARD/Printausgabe, 19.10.2009)