"Deine Mutter hat nicht abgetrieben"

18. Oktober 2009, 17:31
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Hunderttausende demonstrierten gegen den Entwurf eines neuen spanischen Abtreibungsgesetzes

Es war die größte Demonstration, die Spaniens Hauptstadt seit den Protesten gegen den Irakkrieg gesehen hat. Laut VeranstalterInnen zogen Samstagnachmittag zwei Millionen Menschen unter dem Motto "Jedes Leben zählt" gegen eine Reform des Abtreibungsgesetzes durch die Madrider City. Die Polizei zählte 250.000 TeilnehmerInnen.

42 "Pro Vida" -Gruppen hatten aufgerufen. In über 600 Bussen, in Sonderzügen und Privat-Pkws kamen die Teilnehmer aus allen Teilen Spaniens. Selbst aus dem europäischen Ausland nahmen Delegationen an der Demonstration gegen einen Gesetzesentwurf der sozialistischen Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero teil. Die neue Bestimmung, die im Parlament mit einer Mehrheit rechnen kann, sieht vor, dass künftig ein Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 14 Wochen legal ist. Besonders umstritten ist die Bestimmung, dass künftig Frauen bereits im Alter von 16 Jahren abtreiben lassen können, und das ohne elterliche Genehmigung.

Unter den TeilnehmerInnen: Der ehemalige Regierungschef José María Aznar und dutzende Vertreter des konservativen Partido Popular (PP). Parteichef Mariano Rajoy nahm jedoch ebenso wenig teil wie die spanischen Bischöfe.

Das "Fest für das Leben" unterschied sich deutlich von den Anti-Abtreibungs-Demonstrationen der 80er-Jahre, auf denen schwarz gekleidete ältere Ehepaare das Bild bestimmten. Dieses Mal erklang Rock- und Popmusik unterbrochen von Frauen, die erzählten, warum sie sich in einer schwierigen Situation für ein Kind entschieden haben. Ganze katholische Mädchenschulen waren angereist. "Rücktritt, Rücktritt!" und "Zapatero, deine Mutter hat nicht abgetrieben", riefen sie.

Das derzeit gültige Gesetz aus dem Jahre 1985 verbietet die Abtreibung grundsätzlich. Es gelten nur drei Ausnahmen. Nach einer Vergewaltigung ist ein Schwangerschaftsabbruch binnen zwölf Wochen erlaubt. Bei Verdacht auf Missbildung des Embryos beträgt die Frist 22 Wochen. Und bei Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit der werdenden Mutter gilt keine zeitliche Begrenzung.

Ärzte und Frauen vor Gericht

Dennoch wurden 2008 in Spanien mehr als 110.000 Abtreibungen vorgenommen - doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Die meisten Frauen geben als Begründung Gefahren für ihre psychische Gesundheit an. Dies geht gut, solange die Behörden wegschauen. Doch in den vergangenen Jahren wurden öfter Privatkliniken geschlossen und Ärzte sowie Patientinnen vor Gericht gestellt, weil sie illegal abgetrieben haben sollen.

"Wir wollen ein Gesetz, das Rechtssicherheit für alle schafft, für die Frauen und für die Ärzte", erklärt die Ministerin für Gleichstellung, Bibiana Aído. "Diese Regierung verteidigt das Leben. Aber wir verteidigen auch, dass keiner Frau für eine so schwierige Entscheidung Haftstrafen drohen."

Der Vorsitzende des Spanischen Familienforums, Benigno Blanco, kündigte weitere Proteste an: "Wir werden keine Ruhe geben, solange es in Spanien nur eine einzige Abtreibung gibt." (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2009)

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    Das "Fest für das Leben" füllte die Madrider Innenstadt. Aus allen Teilen Spaniens waren die Teilnehmer angereist; darunter komplette katholische Mädchenschulen.

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    Auf Transparenten wurde Abtreibung mit dem Holocaust gleichgesetzt.

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