Operation Flashpoint Dragon Rising: Full Metal Jacket

19. Oktober 2009, 17:05
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"Dragon Rising" gibt in sehr komprimierter Form den Nervenkitzel des Originals wieder

Es wurde nicht von den Original-Entwicklern geschaffen und soll trotzdem den Nervenkitzel alter Zeiten hervorrufen. "Operation Flashpoint: Dragon Rising" (OFDR) ist die aktuellste der so genannten Kriegssimulationen. Zum Unterschied zu Propaganda-Games wie "America's Army" verzichtet die Spieleschmiede Codemasters dank einer fiktiven Geschichte und mangelnder Identifikationsmöglichkeiten aber weitgehend auf eine politische Stellungnahme, weshalb OFDR getrost als pure Schreckenserfahrung an der virtuellen Front bezeichnet werden kann.

Krieg der fremden Welten

Tatsächlich gibt es natürlich ein glaubhaft skizziertes Szenario: Schauplatz ist eine frei erfundene russische Pazifikinsel namens "Skira" nahe der Küste Japans. 2011 herrscht massiver Rohstoffmangel und die Supermacht China startet eine Invasion, um sich das Erdöl-reiche Stück Land seiner Nachbarn unter den Nagel zu reißen. Die Streitkräfte Amerikas werden zur Hilfe gerufen, um die Invasoren zurückzudrängen.

Allerdings wird dieser gesamte Hintergrund in einer wenige Minuten kurzen, wenngleich grafisch opulent animierten Diashow abgehandelt, in der weder emotionalisiert noch so recht zwischen in Gut und Böse unterschieden wird. Auch in weiterer Folge, in der man in die Haut von US-Einsatztrupps schlüpft, wird erzählerisch nur noch gegen Ende auf den Konflikt eingegangen. Dazwischen wird man wortarm von einem Einsatz zum anderen geschickt.

Frontbericht

Als Spieler taucht man als einer von vielen Squad-Leadern der US-Armee ins Geschehen ein. Es gilt nicht nur zu kämpfen, sondern auch seine Mannen zu kommandieren und sich als wertvolles Rad in der rollenden Kriegsmaschinerie zu erweisen. Die etwas kurz geratene Kampagne mit 11 Missionen erweist sich als gut geskriptetes Schachspiel, die offene Gefechte an einem roten Faden miteinander verknüpft. Mal liegt es an einem Radarstationen einzunehmen, ein anderes Mal muss man einem befreundeten Truppenzug Flankenschutz leisten.

Als Squad-Leader kann man seinen drei Kollegen Befehle erteilen und sie in den Angriff schicken, verteidigen lassen oder zum Flankieren anweisen. Eine dynamische Strategiekarte gibt Aufschluss über die Lage, wobei neben der Infrastruktur und den eigenen Truppen nur dort Feinde eingezeichnet werden, wo man sie mit dem eigenen Auge (zuletzt) gesehen hat. Wie intensiv man sich mit dem taktischen Element beschäftigen muss, hängt mit dem gewählten Schwierigkeitsgrad zusammen. Als "Beginner" hilft einem das Interface zur Orientierung, als "Hardcore"-Spieler muss man sich auf die wenigen, tatsächlich vorhandenen Missionsinformationen und auf das eigene strategische Verständnis verlassen.

Knochenhart

Auch im Gefecht macht der gewählte Schwierigkeitgrad einen Unterschied. Beispielsweise werden nur für Anfänger und Fortgeschrittene die Missionen durch Checkpoints unterteilt. Erlegene Teamkollegen werden im Beginnermodus regelmäßig wiederbelebt, Veteranen müssen hier schon besser auf die Gefolgschaft aufpassen. In jeder Liga beeindruckend ist die vermeintlich gebotene Realität. Jeder Schritt sollte bedacht werden. Feinde spähen und richten ihr Feuer bereits aus hunderten Meter Entfernung auf einen schlecht getarnten Soldaten. Nicht zu selten sind gegnerische Soldaten mit freiem Auge im Dickicht kaum erkennbar. Dazu trägt gleichermaßen die dichte Vegetation wie die melancholische Farb- und Licht-Wahl der Entwickler bei. Der Ernst der Situtation wird somit nicht nur spielerisch, sondern auch grafisch widergespiegelt.

Kugelhagel regnet präzise auf die eigene Stellung hernieder, sollte man seinen Kopf zu weit herausgestreckt haben. Ein gut platzierter Treffer kann bereits den Tod bedeuten. Wird man an Gliedmaßen getroffen, muss man rasch die Blutung stoppen, will man nicht im Jenseits landen. Eine vollständige Heilung während eines laufenden Spiels gibt es nicht. Ein Schrapnell im Bein behindert die Fortbewegung, im Arm stört es beim Zielen. Ähnlich penibel ist der Umgang mit der Waffe. Ladevorgänge geschehen in Echtzeit und gefundene Munition muss zur eigenen Gewehr-Type passen. Ein Mangel an Munition bedeutet in den meisten Fällen ein Scheitern des Einsatzes, mit der Pistole allein ist man an der Front aufgeschmissen. 

Kriegsmaschinerie

Umso mehr Erfahrung man vorzuweisen hat, desto mehr Einfluss hat man auf den gesamten Feldzug und kann mit der Zeit über die Strategiekarte auch andere Trupps befehligen oder Luftunterstützung anfordern. Eine wesentliche Rolle bei der Befreiung der Insel Skira spielen deshalb Fahrzeuge und Helikopter, die man gegebenenfalls selbst steuern kann. Allerdings wurden hier gegenüber dem ersten Operation Flashpoint erhebliche Abstriche gemacht. So kann man weder Panzer, noch Flugzeuge steuern. In der Kampagne darf man lediglich hin und wieder hinter das Steuer eines Jeeps. Helikopter fliegt man selbst nur im Mehrspielermodus.

Gemeinsam

Apropos: Die eigentliche Herausforderung stellt das Zusammenspiel mit menschlichen Mitstreitern und Kontrahenten dar. Die Kampagne darf kooperativ mit bis zu 3 Kollegen über das Netzwerk bestritten werden, wobei man hier dann gemeinsam als Squad agiert. Zu viert sollte man in jedem Fall den Anfänger-Modus meiden, sonst wird man kläglich unterfordert. Im Mehrspieler-Modus können auf der Konsole 4 gegen 4 antreten, wobei jeder einen Squad von drei computergesteuerten Mitspielern unter sich hat. Auf dem PC können alle Soldaten der 4 Squads von Spielern gesteuert werden (16 gegen 16). PC-Spieler freuen sich zusätzlich noch über einen Karten-Editor, in dem dann auch so viele Fahrzeuge, wie man möchte, platziert werden können.

Fazit

Ob die Reduzierung der Präsentation auf das Wesentliche ein genialer Schachzug sein soll, um ein Kriegsspiel real, aber nicht politisch gewichtet, erscheinen zu lassen, wissen wohl nur die Entwickler. Operation Flashpoint: Dragon Rising schafft es den Nervenkitzel des Originals in komprimierter Weise wiederzugeben. Allerdings lässt sich nicht verschweigen, dass hier viel Potenzial liegen gelassen wurde. Spielerisch betrifft das die zusammengestutzte Kampagne genauso wie den Fuhrpark und von den Autoren hätte man sich zumindest die silhuettenhafte Schilderung individueller Schicksale wünschen können. Denn egal auf welcher Seite man kämpft, es ist immer noch ein Krieg zwischen Menschen.

(Zsolt Wilhem, derStandard.at, 18.10.2009)

  • Operation Flashpoint: Dragon Rising (Codemasters) ist für PC, Xbox 360 und PS3 erschienen
    foto: codemasters

    Operation Flashpoint: Dragon Rising (Codemasters) ist für PC, Xbox 360 und PS3 erschienen

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