Problempaar im Opernturnsaal des Duce

16. Oktober 2009, 18:51
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"Tancredi"-Premiere: Bühnenereignisse, bei Bedarf mit forsch-ruppiger Phrasierungskunst belebt

Wien - Eine extrem harte Nuss sind offenbar manche Rossini-Raritäten. Durchaus frisch ist etwa noch in Erinnerung, wie der Intendant der Salzburger Festspiele, Jürgen Flimm, mit einer eher in das ernste Erzählfach reichenden Oper (Moïse et Pharaon) in Regienöte kam. Als ganz frische Bestätigung der Nuss-These darf nun auch jene Version herhalten, die Regisseur Stephen Lawless im Theater an der Wien von Rossinis Frühwerk Tancredi erstellt hat.

Nicht, das ihm nichts gelungen wäre. Er transferiert eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte aus dem 10. Jahrhundert ins Sizilien des glatzköpfigen Duce. Und er findet auch eine Raumlösung (Gideon Davey), die einerseits auf bürgerkriegerische Verwüstungen und auch auf diktatorische Ästhetik verweist: In einer Marmorhalle ist der Boden brutal in zwei Hälften zerborsten, und eine riesige Pferdeskulptur gibt Einblick in monumental-heldische Fantasien der sogenannten Mächtigen.

Nicht inkonsequent auch der Einsatz von Körperkult und straffer Disziplin - beides wurde ja in unwirtlichen Führerstaaten gerne im Rahmen öffentlicher Inszenierungen zelebriert. In Tancredi wird dann plötzlich ausgiebig eitel geturnt, vital herumgehüpft; und auch die Soldatenmassen müssen sich im Sinne der Uniformität synchronen Bewegungen hingeben.

Das alles ist irgendwie logisch und nachvollziehbar. Was allerdings vom Ansatz her plausibel wirkt, gerät in der Umsetzung zu plakativ und in einer Weise viertellustig, die also wenig unterhält, das tragische Element der Geschichte (eines sich hindernisreich findenden Pärchens in einer desolaten Gesellschaft) verwässert. Kurzum: So wie bei Rossinis Musik das Heitere das Ernste mitunter unplausibel bedrängt und für eigenartige Widersprüche sorgt, so findet auch die Regie hier nicht zu einer tragfähigen Ausdrucklinie. Das Ganze ist weder besonders lustig noch besonders ernst.

Und: Da Tancredi eine echte Wucherung von Arien und Rezitativen darstellt, sich also weniger um Dramaturgie und mehr um vokale Bravour kümmert, kommt es an diesem Abend irgendwann zum Stillstand der Opernzeit.

Vokal geläufig

Die Sänger können nichts dafür. Es war der auf Mussolini getrimmte Colin Lee (als Argirio) durchaus in der Lage, seine Zerrissenheit zwischen Machträson und Vatergefühl darzustellen; Konstantin Wolff (als Orbazzano) gab einen soliden Bösewicht. Und besonders Aleksandra Kurzak lieferte (als Amenaide) ein fulminantes Beispiel vokaler Geläufigkeit und dramatischer Möglichkeit. Mutig im Einsatz auch Vivica Genaux (als Tancredi), die sich in der Pause ansagen ließ.

Auch Dirigent Rene Jacobs und dem Orchestre des Champs-Elysees ist kein wirklicher Vorwurf zu machen. Jacobs leuchtet die melancholischen Aspekte der Partitur delikat aus, scheute sich aber nicht, die Bühnenereignisse bei Bedarf mit forsch-ruppiger Phrasierungskunst zu beleben. So kam der Klang des Orchesters vielgestaltig daher, vermochte wundersame Metamorphosen (von zart bis ruppig) zu vollführen. Ein paar intonatorische Freiheiten der unfreiwilligen Art nahm man hin, war dann vor allem aber froh, dass die Oper doch ein Ende hatte. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

17., 19., 21. und 23. 10., 19.00

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