Hundert Dollar für ein besseres Leben

16. Oktober 2009, 18:54
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Kleinstkredite sichern auch in Peru das Überleben eines Großteils der Bevölkerung

Kleinstkredite erweisen sich in der Finanzkrise als eine der stabilsten Geldanlagen. Sie sichern auch in Peru das Überleben eines Großteils der Bevölkerung. Viele Menschen bauen darauf ein neues Leben auf.

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Geht es um Geld, ist mit Yolirruth Nuñez nicht zu spaßen. Im gelb-türkis getünchten Versammlungsraum der Bananenplantage Appbosa (Association of Small Producers of Saman and Anexos) klappt die Peruanerin resolut ihren Laptop auf und sieht Dante Moreno Giron Gerente erwartungsvoll an. "Wie gehen die Geschäfte? Werden Sie Ihre Ziele heuer erreichen?"

Gerente nickt sichtlich erleichtert. "Ja. Unter anderem ist es uns gelungen, anstelle des Vertrags mit Dole (US-Südfrüchtehändler, Anm.) einen direkten Abnehmer zu finden. Das bringt uns bessere Preise. Und seit wir die Seilbahn haben, können wir auch viel effizienter arbeiten" , antwortet der Manager der etwa 50 Kilometer von Piura im Norden Perus gelegenen Bananenanbau-Genossenschaft. Seit ihrer Gründung vor sechs Jahren haben sich ihr mittlerweile 300 Bauern der Region angeschlossen.

Auf den ersten Blick sieht Nuñez mit ihren warmen dunklen Augen alles andere als streng aus. Doch als Monitoring-Officer der peruanischen Niederlassung von Oikocredit gehört es zu ihren Aufgaben, den Status quo der Geldnehmer zu überprüfen. Nicht nur, um die Rückzahlung des Kredits, sondern auch die daran geknüpften Bedingungen sicherzustellen.

Sozial verantwortlich handeln

Seit 30 Jahren vergibt die internationale Non-Profit-Organisation, die ihre Wurzeln im "sozialen Evangelium" des Ökumenischen Rats der Kirchen hat, Mikro- und Projektkredite in Entwicklungsländern. Bei Oikocredit geht es aber nicht nur um die Vergabe von Geldmitteln. Das eigentliche Ziel ist es, das Leben armer Menschen nachhaltig zu verbessern.

Die Kreditnehmer lernen nicht nur, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, sondern auch sozial verantwortlich zu handeln. Es ist eine Investition in die Zukunft dieser Menschen.

Wie überdimensionale Trauben hängen an den Seilbahn-Haken die grünen Bananenstränge, die von den Pflückern zu einer der Wasch- und Packstationen der 280 Hektar großen Plantage gezogen werden. Bis vor kurzem mussten die Arbeiter die gut 20 Kilo schweren Stauden noch auf ihren Schultern schleppen, erzählt Gerente. Die Seilbahn sei nicht nur eine enorme Entlastung für die Menschen, sondern steigere auch die Effizienz und Qualität der Produktion, berichtet er Nuñez stolz. Für die Errichtung der rund 250.000 Dollar teuren Seilbahn, der ersten ihrer Art in Peru, hat Oikocredit der Genossenschaft ein Darlehen in Höhe von 150.000 Dollar gewährt. Die restlichen 100.000 Dollar hatte man in Appbosa bereits selbst erwirtschaftet.

Strenger Businessplan

Die Laufzeit des Kredits beträgt 30 Monate, bei neun Prozent Zinsen pro Jahr. Die Genossenschaft produziert nach den Regeln von Fairtrade und hat sich dem biologischen Anbau verschrieben. Für das Darlehen mussten sie einen Businessplan vorlegen, in dem nicht nur der angestrebte Profit, sondern auch die Summe ausgewiesen werden musste, die jährlich für soziale gemeinschaftliche Projekte reinvestiert wird: Ein Dollar pro verkaufter Kiste Bananen und damit 245.000 Dollar waren es etwa im Vorjahr. "Das Geld fließt in einen Sozialfonds, der bei Todesfällen, für Operationen oder die Anschaffung von Computern für die Schulkinder verwendet wird" , erläutert Nuñez. "Die Menschen lernen so, als Gruppe zu denken, es schweißt die Gemeinschaft zusammen." Das sei einer der wichtigsten Aspekte der Geldvergabe, auf die Oikocredit besonders Wert legt.

Inoffiziellen Schätzungen zufolge leben in Peru mehr als 50 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Gründe dafür sind vielfältig: "Das politische System krankt, das Gesundheitssystem ist ein Desaster, und das Bildungssystem lässt zu wünschen übrig" , sagt Frank Rubio, Oikocredit-Verantwortlicher für die Region Peru, Ecuador und Kolumbien. Das öffentliche Service sei rudimentär, die Korruption groß. Eine Mikrofinanzierung sei oft die einzige Möglichkeit für Menschen, aus der Armutsspirale auszubrechen.

Erster Schritt aus dem Elend

Vor 14 Jahren hat Felicitas Huamani ihren ersten Mikrokredit in Höhe von umgerechnet 100 Dollar von Finca Peru, einer Partnerorganisation von Oikocredit, erhalten. Sie lebt mit ihrer Familie etwa 50 Minuten vom Stadtzentrum von Lima entfernt im Bezirk Villa el Salvador. Ärmliche Häuser, halb fertig gebaut, reihen sich hier an den sandigen Straßen wie willkürlich zusammengewürfelte Schuhkartons aneinander. Streunende Hunde durchwühlen die vom Wind verwehten Müllreste. Der kleine Laden von Huamani, gefüllt mit Getränken, Snacks und Süßigkeiten, sticht in der tristen Gegend hervor wie eine bunte Pralinenschachtel. Dahinter ein kleiner Raum, in dem sie zu Mittag Essen für die Besucher der vis-à-vis gelegenen Schule kocht.

Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele in diesem Armenviertel. Wie viele ihrer Nachbarn waren sie und ihre Familie vor vielen Jahren vor den Kämpfen gegen die Terrororganisation "Leuchtender Pfad" in die peruanische Hauptstadt geflohen. Der Verkauf von Lebensmitteln am Straßenrand, den sie mit ihrem ersten Mikrokredit finanzierte, war der erste Schritt aus dem Flüchtlingselend in ein neues, würdevolleres Leben.

Die 1993 gegründete Mikrofinanzorganisation Finca Peru unterstützt im ganzen Land überwiegend Frauen. "Geld allein löst die Probleme aber nicht" , erläutert Iris Lanao Flores, Directora Ejecutiva der Organisation. "Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld, sondern auch an Selbstwertgefühl." Kredit erhalten bei Finca Peru aber nur jene, die bereit sind, am Fortbildungsprogramm der Initiative teilzunehmen. Dazu gehört auch, die "Kultur des Sparens zu erlernen" , sagt Flores. Bei den regelmäßigen Treffen der "Village Banks" - die Gruppen, in denen die Frauen organisiert sind - zahlen die Kreditnehmerinnen deshalb nicht nur ihre Darlehen zurück, sondern einen Teil des erwirtschafteten Geldes auch auf ein Sparbuch ein. Dieses kann anderen wieder zu einem neuen Darlehen verhelfen.

Hohe Zahlungsmoral

Die Kreditzinsen sind für westliche Verhältnisse hoch, jedoch deutlich niedriger als bei Geldhändlern oder kommerziellen Banken, von denen die meisten Kundinnen der Finca Peru ohnehin keinen Kredit bekommen würden.

Die Zahlungsmoral ist bei Mikrofinanzierung sehr hoch. "Die Kreditausfälle liegen bei unter einem Prozent" , sagt Günter Lenhart von Oikocredit Österreich. Auch ein Grund dafür, dass diese Geldvergabeform von der Finanzkrise so gut wie nicht betroffen ist. Das wissen auch immer mehr Anleger zu schätzen, obwohl sie in der Regel nur zwei Prozent Dividende erhalten. "Doch entscheidend ist das Wissen, dass man hier in die Zukunft von Menschen investiert." Lenhart geht davon aus, dass heuer die Einlagen bei Oikocredit Austria um 50 Prozent auf 13,5 Mio. Euro ansteigen werden. Weltweit weist die Organisation knapp 400 Mio. Euro investiertes Kapital aus.

Dionisia Martinez, Besitzerin eines kleinen Gemüsestands in einem Markt in Villa El Salvador, ist erst vor kurzem einer Village Bank-Gruppe - ähnlich einem lokalen Sparverein - beigetreten. Ihre aus Holzbrettern gezimmerte Verkaufsbude ist eine der bescheidensten auf dem unebenen Marktgelände. Noch. Denn schon bald hofft sie, sich mit einem Mikrokredit einen Stand leisten zu können, der auch versperrbar ist. Dann muss endlich keiner mehr aus ihrer Familie die ganze Nacht dort verbringen, um auf die Ware aufzupassen. Schon allein der Gedanke daran, zaubert ein strahlendes Lachen in ihr faltiges Gesicht. (Karin Tzschentke aus Lima, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.10.2009)

  • Eine Bio-Bananenplantage im Norden Perus: Mit Kleinstkrediten ließen
sich die Effizienz und die Qualität der Fair-Trade-Produktion erhöhen.
    foto: karin tzschentke

    Eine Bio-Bananenplantage im Norden Perus: Mit Kleinstkrediten ließen sich die Effizienz und die Qualität der Fair-Trade-Produktion erhöhen.

  • Dionisia
Martinez besitzt einen kleinen Gemüsestand am Rande Limas. Durch einen
Mikrokredit wäre es ihr möglich, ihn über Nacht versperren zu können.
    foto: karin tzschentke

    Dionisia Martinez besitzt einen kleinen Gemüsestand am Rande Limas. Durch einen Mikrokredit wäre es ihr möglich, ihn über Nacht versperren zu können.

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