Ein poetisches Karussell der Zeiten und Bilder

16. Oktober 2009, 18:43
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Federico Leóns "Yo en el futuro"

Graz - Ein faszinierendes, ästhetisches Spiel mit Endlichkeit und Unendlichkeit war eine der intensivsten Theaterarbeiten beim diesjährigen Steirischen Herbst. Yo en el futuro des argentinischen Theater- und Filmemachers Federico León hielt das Publikum - leider nur 35 Minuten - in seinem Bann.

In dieser kurzen Zeit rollt León die Geschichte von drei Generationen, die eigentlich alle zusammen nur eine sind, mit Filmprojektionen und dem Spiel vor der Leinwand elegant auf. Die äußerliche Handlung ist schnell erzählt: Zwei Mädchen und ein Bub drehen in den 1950er-Jahren kleine Super-8-Filme. Später, in den 70ern, drehen sie wieder Filme. Als alte Menschen schließlich sehen sie sich die Streifen gemeinsam an und arbeiten mit drei Kindern und drei jungen Erwachsenen daran, die eigenen Filmsequenzen nachzustellen - live auf der Bühne.

Der Plot klingt vielleicht nicht aufregend, doch im Detail schuf León hochpoetische Bilder. Die Schwarz-Weiß-Filme aus den vermeintlichen 50ern kopieren präzise und gefühlvoll diese Zeit, sodass die Zuseher meinen könnten, tatsächlich einen vor 60 Jahren produzierten Streifen zu sehen. Doch die darin auftretenden Kinder erscheinen bald auf der Bühne. Ebenso das Trio, das in den 70ern spielt und aus dem sich offenbar ein Liebespaar herausgelöst hat. Wenige Minuten reichen, um klugen und humorvollen Exkursen, wie jenem über die verschiedenen Arten und Beweggründe zu küssen, Platz zu schaffen.

Die Reflexion der Reflexion

Die Situation zwischen Bühne und Leinwand hat aber auch etwas von dem Gefühl der Unendlichkeit, das einen beschleicht, wenn man zwischen zwei Spiegeln steht und in die nicht enden wollenden Reflexionen der Reflexionen blickt: Die von den Kindern gedrehten Filme zeigen die Verwandtschaft, wie sie sich einen Film ansieht, im Wohnzimmer und in einem alten Kino. Irgendwann schließt sich die Bilder-Zeit-Schleife und man sieht den Film im Film im Film.

Federico León zeigte Ich in der Zukunft erstmals in einem alten Kino in Buenos Aires. Dass eine der älteren Damen zu Beginn im historischen Kostüm vor der Leinwand Klavier spielt, ist eine Referenz an die vergangene argentinische Tradition, dass Varietékünstler vor und zwischen Filmen im Kino auftraten. Auch das Grazer Orpheum, in dem Leóns Stück gezeigt wurde, war einst ein Lichtspieltheater. So werden Zuseher subtil mit dem Karussell der Spiegelbilder abgeholt. Eine schöne Theaterkurzreise. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD/Printausgabe, 17.10.2009)

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