Der funky Quengel-Bengel

16. Oktober 2009, 18:39
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Jan Delay charmierte im Wiener Gasometer sein Publikum. Das liebte ihn zurück und feierte mit dem dünnen Hamburger

Kühler Piefke-Schmäh, breiter Reggae und Schummel-Funk.

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Wien - Es ist schon erstaunlich: Wie kann jemand, der so wenig Soul und Funk hat, so funky und so beseelt wirken? Denn weder besticht die Band Disko Nr. 1 mit besonderen Synkopierungs-Künsten, die dem authentischen Funk eigen sind, noch lässt sich der polypengequälte Quengelgesang von Jan Delay irgendwie im Soul-Fach verorten. Und dennoch: Es fährt, hat Seele, und wo es an Funk gebricht, wird raffiniert kompensiert. Mit fettem Reggae, mit unscharf unter Groove zu summierenden Sounds - und mit dem Schmäh von Mister Delay.

Dem Hamburger Sänger und Chartsstürmer Jan Phillip Eißfeldt alias Jan Delay, 33, nützt für sein Erfolgsunternehmen seine Vergangenheit im HipHop und Reggae. Was ihm an Inbrunst und spiritueller Tiefe fehlt, fängt er mit Rap und Reggae-Toasts ab. Seine Defizite pflegt er mit der Schlauheit, gar nicht erst so zu tun, als ob er eine Soulstimme hätte. Das bewahrt ihn davor, ein falscher Prediger wie ein anderer Selbstermächtigungskünstler, wie Xavier Naidoo, zu werden, der ja tatsächlich glaubt, ein Soulsänger zu sein.

Im ausverkauften Wiener Gasometer setzte der mit einer an den klassischen Soul-Revuen der Sixties orientierten Band reisende Sänger am Donnerstag den Nussknacker an und knackte bald die der heimischen Mentalität geschuldete Lahmarschigkeit des Publikums. Was mit Rave Against the Machine begann, wuchs sich spätestens bei der "Undergroundnummer" Everybody zum Medley und zur saalgreifenden Party aus.

Da standen Backstreet-Boys-Reminiszenzen auf selber Höhe wie Jump Around von den HipHoppern House Of Pain und gingen wie selbstverständlich ineinander über. Die dem Saal angekündigte Nässe hatte an dieser Stelle auch den Hauptdarsteller des Abends selbst erreicht: Delays Hemd klebte ihm klatschnass am Rücken.

Reggae und Breitenwirkung

Einen ersten Abstecher zum Reggae nahm er mit dem Song Vergiftet seines Solodebüts Searching For The Jan Soul Rebels. Zugedacht war der Song dem Wiener Club Flex, dem Delay damit seine Liebe erklärte. Das Reggae-Fach beherrscht er bestens, wie frühere Auftritte mit der famosen Sam Ragga Band ebenso belegten wie sein erster großer Hit: Eine Deutung von Nenas Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann, das er knieweich gen Jamaika schunkelnd und breit wie eine Assel nachgebaut hatte.

Seit seinem zweiten Soloalbum Mercedes Dance orientierte er sich dann an Soul und Funk: Mit drei Backgroundsängerinnen, Bläsersatz, Keyboards, Perkussion, Gitarre und Bass breit aufgestellt, zog er live vor allem durch dieses Werk sowie seine jüngste Veröffentlichung Wir Kinder vom Bahnhof Soul. Was am Album oftmals germanisch hüftsteif klingt, wurde live von der gut im Saft stehenden Band weggewischt. Die lässigen, auch den einen oder anderen Tanzschritt beherrschenden Backgroundsängerinnen brachten den dünnen Jan im bunten Tuch zusätzlich zum Glänzen.

Der arbeitete sich souverän durch Songs wie Showgeschäft, Disko, Die Sonne, die scheint oder die aktuellen Single Oh, Jonny. Da noch ein Falco-Zitat aus dem Kommissar, dort ein Fingerzeig in Richtung Disco, dazu ein wenig Piefke-Selbstironie - und der Saal tobte.Zu Recht. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

  • Wenn die Österreicher einen Piefke lieben, dann aber: Jan Delay säte im Wiener Gasometer Freude und erntete Amore.
    foto: epa/gindl

    Wenn die Österreicher einen Piefke lieben, dann aber: Jan Delay säte im Wiener Gasometer Freude und erntete Amore.

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