Die Masken der Peinlichkeit

16. Oktober 2009, 18:41
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Essay über eine häufig unterschätzte Kraft: Der Journalist Till Briegleb analysiert die vielen Facetten der menschlichen Scham

Leigh Bowery nannte die Verlegenheit einmal einen "schwarzen Fleck auf der Landkarte der Emotionen". Der Performancekünstler selbst schien bis zu seinem Aids-Tod 1994 einer der schamlosesten Menschen überhaupt zu sein: Als Kultfigur der Londoner Clubszene präsentierte er sich in grotesk-geschmacklosen Outfits, die von monströsen Tüllkostümen bis zu Kloschüsseln als Kopfbedeckung reichten. Hauptzweck war es, die Hässlichkeit ihres Trägers ins Maßlose zu übertreiben.

Weil Bowery so die Scham über sein Aussehen besiegte, gehört er für Till Briegleb zu den "Helden der Scham", neben etwa Charles Baudelaire, Casanova, Francis Bacon oder Charlie Chaplin: Menschen, die aus dem Gefühl der Scham den Hauptantrieb ihres Lebens machten, sie in ihrer Kunst analysierten oder die in ihrem Leben und Werk nach Wegen suchten, über sie zu triumphieren.

Till Briegleb beleuchtet die vielen, durchaus nicht nur negativen Facetten unserer mentalen Achillesferse in einem mit Abstrichen lesenswerten Essay. Ohne groß zwischen den Gefühlen von Peinlichkeit, Verlegenheit oder Schuld zu differenzieren, hält der Hamburger Journalist das Schamgefühl für die "vielleicht am meisten unterschätzte Kraft der Menschheitsgeschichte". Mit ihrer Hilfe manipulieren Religionen ihre Gläubigen ebenso wie fiese Chefs ihre Angestellten oder die Werbung den Konsumenten; wenn sie umschlägt, kommt es zu Hass, Autoaggression oder Mord. Zugleich aber gäbe es ohne sie weder Kunst noch Wissenschaft, weil erst die Scham über Unvollkommenheit oder mangelndes Wissen den Menschen zur Veränderung antreibt.

Das Schamgefühl ist selbst peinlich; gern maskiert es sich hinter "Coolness", rationalen Argumenten oder "schamabwehrenden Deckaffekten" wie Verachtung oder Neid. Für den Soziologen Georg Simmel bestand das Schamgefühl darin, dass wir glauben, unsere ganze Person würde schlagartig sichtbar werden, in all ihrer Verletzlichkeit und Unzulänglichkeit.

Wann aber ist das der Fall? Das hängt offenbar von vielen Bedingungen ab, sozialen, kulturellen, individuellen und nicht zuletzt situativen. Paris Hilton hat keine Probleme damit, dass von ihr ein Sexvideo im Internet kursiert. Als die Hotelerbin aber während ihrer mehrwöchigen Gefängnisstrafe nur unter Beobachtung die Toilette benutzen durfte, soll das für sie so peinlich gewesen sein, dass sie kaum noch Flüssigkeit zu sich nahm.

Dass unsere Gesellschaft schamloser geworden sei, bezweifelt Briegleb; selbst Trash-TV à la Dschungelcamp funktioniere nur über das Phänomen des Fremdschämens. Eher komme es zu Verschiebungen und Verlagerungen: Postmoderne Lässigkeiten lassen alte Schamängste verschwinden, erzeugen aber auch neue: Man fliegt um die ganze Welt, schämt sich aber dabei, weil man so mitwirkt, das Klima zu ruinieren.

Dennoch bieten die Buntheit moderner Lebensstile den Menschen einen hilfreichen Schutz vor unnötigen Schamerfahrungen, nach dem Motto: Ich will doch nur spielen. Daraus ergibt sich dann auch, wo die Schamängste am ausgeprägtesten sind: "In einer sauberen Einfamilienhaussiedlung, im Kloster, im islamischen Gottesstaat." (Oliver Pfohlmann/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 10. 2009)

 

  • Till Briegleb: "Die diskrete Scham". € 14,80 / 172 Seiten. Insel, Frankfurt a. M. 2009
    coverfoto: insel

    Till Briegleb: "Die diskrete Scham". € 14,80 / 172 Seiten. Insel, Frankfurt a. M. 2009

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