Das letzte Tabu

16. Oktober 2009, 18:20
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Wenn sich "Der Mann, der Haider outete" outet, dann ist das Outing auf dem heimischen Boulevard nicht mehr einzubremsen

Wenn sich Der Mann, der Haider outete outet, dann ist das Outing auf dem heimischen Boulevard nicht mehr einzubremsen. Das geschieht aber gegen den Willen und die Tugendauffassungen heimischer Schreiber. Was sich hierzulande an journalistischem Anstand und unbeirrbarer Charakterfestigkeit outet, gereicht unserem Pressewesen zu ewigem Ruhm. Es sind immer wieder nur diese Deutschen, die uns in den Schmutz ihrer Sensationsgier zu ziehen versuchen. Und wer leistet mannhaft Widerstand? Wer entfaltet das Panier der Moral über dem Sumpf, in dem die deutsche "Bild" zu wühlen pflegt? Niemand anderer als "Österreich", "News" und die "Kronen Zeitung".

Wenn "Bild" geglaubt hat, rasch würde über die jüngste Sudelei Gras wachsen, dann hat das Blatt seine Rechnung ohne die heimischen Wirte gemacht. Eine Woche war es her, dass Kärnten erregt wurde von der Mitteilung aus dem Altreich Jetzt packt sein Geliebter aus!, als der Chefredakteur von "News" seinen Aufmacher mit Der Mann, der Haider outete als moralische Leistung präsentierte. Nur der Ordnung halber: Uns ist es völlig gleichgültig, wie und mit wem Jörg Haider seine privatesten Stunden verbrachte. Die Monstrosität dieser Gleichgültigkeit war damit nicht ins Wanken zu bringen, dass ein 31-jähriger Kärntner plötzlich in die Öffentlichkeit geht und den verstorbenen Landeshauptmann outet. Und zwar in der deutschen "Bild"-Zeitung. Denn für uns gilt trotzdem: Was der junge Mann genau mit Jörg Haider gemacht haben will, interessiert uns weiterhin nicht. Aber wenn eine Tageszeitung, die täglich 3,5 Millionen Stück verkauft, bringt, was "News" völlig gleichgültig ist, dann muss sich diese Gleichgültigkeit mindestens auf einer vier Seiten langen Strecke - warum er redete, wie er tickt - ausbreiten dürfen. Da geht es um reine Aufklärung.

Die moralische Wucht der Gleichgültigkeit von "News" war so enorm, dass sich "Österreich" ihr nicht entziehen konnte. Am Donnerstag druckte es die Story als Aufmacher und auf Seite 6 nach, nachdem man schon am Vortag dieselbe Geschichte aus der "Kärntner Tageszeitung" abgeschrieben hatte. Zu Ehren Fellners ist allerdings festzustellen, dass er den Kampf gegen die deutschen Zeitungsschmierer schon in der Vorwoche aufgenommen hatte. Voll ehrlicher Entrüstung bastelte er den Aufmacher Letztes Geheimnis enthüllt - Deutsche outen Haiders Liebhaber, aber nur, um klarzustellen, dass dies unter unabweisbarem Zwang geschah. ÖSTERREICH erfuhr gestern Nachmittag von der Veröffentlichung. BILD ist die größte Tageszeitung. Damit war klar: Jeder Österreicher kann das "Outing" lesen, diese Geschichte wird heute das Land bewegen. Aus diesem Grund entschloss sich ÖSTERREICH, die BILD-Story zu veröffentlichen. Allerdings - um das Land nicht zu stark zu bewegen - aus Rücksicht auf die Angehörigen unter Aussparung intimer Details.

Dankenswerterweise arbeitete Fellner auch den Unterschied zwischen dem heimischen Boulevard und den deutschen Schmieranskis klar heraus. Bei österreichischen Medien ist René N. - der Outer - bekannt. Trotzdem haben wir und andere Zeitungen diese Information bisher nicht veröffentlicht. Unsere Meinung dazu ist: Die intimen Details zu Haiders Privatleben und zur letzten Nacht ändern nichts am Unfall, und gar nichts an seinem politischen Vermächtnis. Die deutsche BILD sieht das anders, bricht kurz vor Haiders Todestag sein letztes Tabu - und das mit einer europaweiten Verbreitung von über 3 Millionen Zeitungen. Was blieb da "Österreich" anderes übrig, als mitzubrechen? Gilt es doch edlen Zwecken: Haider sollte uns politisch in Erinnerung bleiben. Aber soviel politisches Ethos ist den Piefkes fremd.

An dieser Haltung Fellners stieß sich in der "Krone" unter dem Vorwand der Pietät Österreichs Meister des journalistischen Feinsinns, Michael Jeannée. Nun, da alles heraußen sei, so fordern Sie schreibgewaltig, "solle Jörg Haider uns politisch in Erinnerung bleiben, glaubte er einen Hauch von Heuchelei zu erkennen und schloß unter Aufbietung J. W. Goethes mit den Worten: Herr Fellner, ich mag Ihre "Pressefreiheit" nicht! Er selber genießt ja die von H. C. Dichand erlaubte.

Diesen Angriff auf die Pressefreiheit nahm Fellner persönlich. Sein Blatt parierte mit einem Richter, der kürzlich zum Wirken Jeannées festgestellt habe, dass dessen Kolumnerl "insgesamt nicht wirklich ernsthaft, eher alkoholgetränkt wirkt" und insgesamt "unter der Erheblichkeitsschwelle" liege. Zu dieser Einsicht hätte es weder einen Richter noch einen Fellner gebraucht. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.10.2009)

  • "Eine Schlagzeile, und das Leben ist ganz anders ..."
    foto: derstandard.at

    "Eine Schlagzeile, und das Leben ist ganz anders ..."

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