Weltkulturerbe Berliner Museumsinsel

16. Oktober 2009, 17:59
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Ab 1830 entstand im Zeichen des Historismus die Museumsinsel von Berlin

Erst mit dem Wiederaufbau des barocken Stadtschlosses – der "Palast der Republik" wurde bereits abgerissen – wird das Areal komplett sein.

"All art has been contemporary" , steht in Leuchtbuchstaben über dem Eingang zum Alten Museum in Berlin: "Jede Kunst war irgendwann zeitgenössisch." Die Parole ist geschickt gewählt, denn sie überbrückt die großen historischen Zeiträume, aus denen die Kunstwerke in den Häusern der Berliner Museumsinsel stammen.

Und sie setzt auch das ganze Projekt dieser weltweit einzigartigen Anordnung von Museen ins Präsens der vollständigen Restauration. Nachdem nun auch das Neue Museum als letztes der aufwändig wiederhergestellten Häuser zwischen Lustgarten und Monbijoupark wieder zugänglich ist, liegen vor allem Schätze zur Besichtigung bereit, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert als solche zu gelten begannen: Artefakte alter Kulturen, Kunst der ersten Zivilisationen, Material aus einigen tausend Jahren Menschheitsgeschichte.

Die Formel, dass jede Kunst einmal zeitgenössisch war, ist eine heutige Formulierung für den Geist des Historismus, aus dem heraus ab 1830 die Museen entstanden, die heute das Weltkulturerbe Museumsinsel ausmachen: das Alte Museum von Schinkel (1830), das königlich-preußische, später Neue Museum (1859), die (heute: Alte) Nationalgalerie (1876), das Kaiser-Friedrich-Museum (1904), das 1960 in Bode-Museum unbenannt wurde. 1930 folgte mit dem Pergamonmuseum der prunkvolle Schlusspunkt, wenige Jahre später fielen die ersten Bomben auf das Areal.

Dem Historismus lag gewissermaßen die ganze Geschichte als Material zu Füßen, man konnte sich in der Besichtigung der schönen (und manchmal wilden) Dinge am Ende einer Entwicklung denken, die sich in prosperierenden Städten wie Berlin oder Wien, in einer Museumsinsel oder einer Ringstraße vollendete. Mehr als hundert Jahre später haben sich die Rahmenbedingungen deutlich verändert. Berlin ist zu einer Stadt mit geringer Wertschöpfung geworden. Kultur ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren, dem müssen die Museen entsprechen, indem sie eine Infrastruktur bieten, an die im 19. Jahrhundert noch niemand gedacht hatte. Zugleich sind die Museumsbauten selber zu einem Gegenstand historisierenden Interesses geworden.

Daraus entspinnen sich die Kulturkämpfe, die in Wien das Museumsquartier an den Ringstraßenbauten maßen oder in Berlin zum Abriss des Palastes der Republik führten.

Erst wenn (in ferner, ungewisser Zukunft) das Stadtschloss in der deutschen Hauptstadt wieder dasteht, mit barocker Fassade und funktionalen Innenräumen, wird die Museumsinsel komplett sein. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

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    Das 1855 fertiggestellte und im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Neue Museum wurde nach Plänen von David Chipperfield wieder aufgebaut.

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